Alberto Nismans mysteriöser Tod und die antisemitischen Äußerungen der argentinischen Präsidentin

Alberto Nismans mysteriöser Tod und die antisemitischen Äußerungen der argentinischen Präsidentin

Manfred Gerstenfeld interviewt Gustavo Perednik (direkt vom Autor)

Im Januar 2015 wurde der 51-jährige argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman, einen Tag bevor er vor argentinischen Parlamentariern eine Anklage der Präsidentin und weiterer Regierungsbeamter vorlegen sollte, tot in seiner Wohnung aufgefunden; er hatte eine Schusswaffe in der linken Hand. Nisman beschuldigte die Regierungsvertreter mit der iranischen Regierung zu konspirieren, von der man wusste, dass sie die Terroranschläge in Buenos Aires 1992 und 1994 verübt hatte.

Nismans Tod erregte weltweit Aufmerksamkeit. Viele glauben, der argentinische Geheimdienst sei an der Ermordung beteiligt, während andere mit Verbindungen zur Regierung darauf bestehen, dass es sich um Selbstmord handelt – allerdings ein merkwürdiger, denn die Waffe war geliehen, obwohl Nisman selbst eine Waffe besaß und obwohl er Rechtshänder war.

Dr. Gustavo Perednik ist Autor von fünfzehn Büchern zu Juden und der Moderne. 2009 veröffentlichte er ein fiktionalisiertes Buch über das Leben Alberto Nismans in spanischer Sprache, das zum Bestseller wurde und 2014 ins Englische übersetzt wurde.[1]

Nisman war der oberste Ermittler zum Bombenanschlag vom 18. Juli 1994 auf das AMIA/DAIA-Gebäude der jüdischen Gemeinde in Buenos Aires. Ein Hisbollah-Terrorist fuhr sein mit Hunderten Kilogramm Sprengstoff beladenes Auto direkt in das Gebäude. Es war der schwerste Anschlag auf Juden im Ausland seit dem Zweiten Weltkrieg. 85 Menschen wurden getötet und Hunderte verletzt. Bei einem früheren Terroranschlag vor der israelischen Botschaft in Buenos Aires im März 1992 starben mehr als zwanzig Menschen und mehr als zweihundert wurden verletzt.

Nismans Arbeit als Staatsanwalt begann 1997. 2001 entschied er sich die Polizisten zu freizulassen, die fälschlich der Mitwirkung an dem Terroranschlag beschuldigt wurden und das gesamte Verfahren als Rahmen zu entlarven den Iran reinzuwaschen. Der zuständige Bundesrichter und die übrigen Staatsanwälte wurden wegen falscher Handhabung des Falles abgesetzt und Nisman blieb mit der vollen Verantwortung der Leitung des UFI – einer Ermittlungseinheit von dreißig bis fünfzig erstklassigen Professionellen – zurück.

Perednik fügt an: 2007 besuchte Nisman Israel und hielt Vorträge am Jerusalem Center for Public Affairs, in der Knesset und weiteren Institutionen. In einem Interview mit Ihnen, Manfred, erklärte Nisman, dass sie unter seiner Aufsicht sogar 300 Millionen Telefongespräche untersuchen mussten, die von 1991 bis 1994 getätigt wurden. Einige dieser Gespräche legten eine Verbindung zwischen den beiden Bombenanschlägen offen.

2008 forderte Nisman die Verhaftung und Vernehmung des ehemaligen Präsidenten Carlos Menem, der von 1989 bis 1999 im Amt war, als die Bombenanschläge stattfanden. Nisman beschuldigte Menem der Vertuschung.

Nisman hatte viele Leibwächter. Er fürchtete um sein Leben, war aber entschlossen die Wahrheit herauszufinden. Ich hatte viele Jahre lang engen Kontakt zu ihm. Ich merkte, wie sich seine persönliche Haltung gegenüber dem Judentum entwickelte, besonders seit seinem Besuch in Israel.

2009 ordnete das Oberste Gericht Argentiniens die Wiederaufnahme weiterer Ermittlungen zum Anschlag an. Ein paar Monate später forderte Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirschner, eine Peronistin, vor den Vereinten Nationen Irans Zusammenarbeit bei den Ermittlungen, da die Regierung in Teheran nie auch nur eine der Anfragen der UFI beantwortet hatte.

Im Januar 2013 unterzeichneten Argentinien und der Iran eine „Absichtserklärung“, die aus der Forderung nach Gerechtigkeit eine politische Verhandlung machte. Eine gemeinsame argentinisch-iranische „Wahrheits“-Kommission wurde geschaffen, um den Bombenanschlag auf das AMIA zu untersuchen – man kann sagen, dass dies ein Fall war, in dem die Opfer und die Terroristen zusammen arbeiteten. Die jüdische Gemeinde protestierte heftig, denn diese Annäherung an den Iran würde zur Beerdigung des gesamten Falls führen. Die Kommission wurde schließlich 2014 vom Obersten Gericht für verfassungswidrig erklärt. Kirschner kämpft immer noch gegen diese Entscheidung und versucht außerdem die Richter abzusetzen, die bei ihrem Plan den Iran reinzuwaschen nicht mitzogen.

Vor seinem Tod bot Nisman Kirschner offen die Stirn. Ein paar Tage bevor seine Leiche gefunden wurde, hatte Nisman die Präsidentin und ihren Außenminister Hector Timerman beschuldigt einen heimlichen Handel mit der iranischen Regierung abgeschlossen zu haben, der das Ziel hatte die iranischen Täter vor Strafverfolgung zu schützen. Kurz bevor Nisman die Beweise argentinischen Abgeordneten vorlegen sollte, „beging er Selbstmord“.

Es gibt Belege, dass ein großer Teil der von Nisman gesammelten Beweise in seiner Wohnung vernichtet wurde, bevor die Kugel ihn tötete. Seine Exfrau und Bundesrichterin Sandra Arroyo Salgado forderte, dass der Staatsanwalt, der den Tod Nisman untersucht, ersetzt wird. Das wurde verweigert. Zusätzlich wurde von Regierungsbeamten eine Rufmordkampagne gegen Nisman betrieben.

Derweil hat es auch für das argentinische Judentum Konsequenzen aus dieser Affäre gegeben. Die nächsten Präsidentschaftswahlen finden im Oktober 2015 statt. Kirschner kann nicht antreten, weil sie bereits die maximal möglichen zwei Amtszeiten im Amt war. Im April twitterte sie eine Anschuldigung, die von denProtokollen der Weisen von Zion inspiriert gewesen zu sein scheint. Ihr Kommentar behauptete, Nisman, einige amerikanische Juden und örtliche jüdische Leiter würden mit Finanzkräften der Welt konspirieren, um Regierungen überall in der Welt zu destabilisieren – einschließlich der ihren. Im Juli 2015 sagte Kirschner einer Klasse 10-jähriger Schulkinder: „Um die finanzieller Gier und den Wucher gegen Argentinien zu verstehen, sollten sie Der Kaufmann von Venedig lesen.

Die Washington Post forderte in einem Leitartikel eine internationale Ermittlung des Todes Nismans. Dort sind sie überzeugt, dass das Thema vom argentinischen Justizsystem niemals sauber ermittelt wird, weil es von der derzeitigen Regierung zunehmend politisiert wird.

Perednik schließt: Aus den argentinischen Juden und Juden allgemein sind Sündenböcke gemacht worden, wenn es um die Notwendigkeit geht die öffentliche Aufmerksamkeit von den Vergehen und dem Versagen der Regierung abzulenken. Das ist eine klassische Geschichte, nicht wahr?

[1] To Kill Without A Trace- A Prequel to 9/11 – Iranian bombs in Buenos Aires. Kanaka (Mantua Books) 2014.

 

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