Die Gemeinsamkeiten von Holocaustleugnern und Antizionisten

Die Gemeinsamkeiten von Holocaustleugnern und Antizionisten

Manfred Gerstenfeld, Interview mit Elhanan Yakira, 4. Dezember 2011 (direkt vom Autor)

„Es scheint so, als ob Israels Hauptgegner außerhalb der arabischen und muslimischen Welt Israelis und Juden im Ausland sind. Diese Leute erfahren hohe Wertschätzung durch Israels nicht jüdische Feinde. Die selbst ernannte „wahre Linke“ Israels nimmt Haltungen ein, die allgemein als postzionistisch bezeichnet werden. In Wirklichkeit sind sie antizionistisch.

Diese Ideologie weigert sich, dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung und damit Israeldas Existenzrecht als jüdischer Staat zu gewähren. Das bedeutet, sie leugnet ebenfalls, dass Israel sowohl jüdisch als auch demokratisch sein kann. Führende Intellektuelle, jüdische wie nicht jüdische, spielen in dieser neuen Mutation des Antisemitismus eine wichtige Rolle.“

Elhanan Yakira ist Schulman-Professor für Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er besitzt einen Doktortitel der Sorbonne in Frankreich und hat verschiedene Bücher veröffentlicht. Sein Buch Post-Zionism, Post-Holocaust: Three Essays on Denial, Forgetting, and the Deligitimation of Israel (Postzionismus, Postholocaust: Drei Aufsätze zu Leugnung, Vergessen und der Delegitimierung Israels) löste eine große öffentliche Debatte in Israel aus, als 2006 die hebräische Originalversion erschien.

„Es gibt in Israel keine Holocaustleugner. Doch einige israelische Akademiker und andere Angehörige der radikalen Linken nutzen den Holocaust als wichtiges Argument beim Aushöhlen der moralischen Rechtfertigung Israels und um es zu dämonisieren. Man sollte die Bedeutung oder die Unmoral dieser Haltungen nicht unterschätzen.

Der Diskurs der israelischen Antizionisten ähnelt dem von Teilen der Linken und extremen Linken im Ausland. In ihrer Diskussion nutzen die Antizionisten oft die Standpunkte der Philosophin Hannah Arendt zum Zionismus. Insbesondere Ahrendts Buch zu Eichmann hat sie zu einem Symbol der antiisraelischen Subkultur gemacht. Ich bezweifle aber, dass sie – würde sie heute noch leben – deren Ansichten dazu teilen würde.

Bezüglich der Rolle des Holocaust im Postzionismus – in Wirklichkeit ist das Antiisraelismus – findet man gewisse Analogien zur Holocaustleugnung und zwar zur Behauptung, der Holocaust habe nie stattgefunden. Das betrifft insbesondere Leugner, die aus der radikalen Linken kommen. Diese Art der Leugnung, ein seltsames Phänomen, findet sich hauptsächlich in Frankreich. Das Besondere dabei ist nicht der Holocaust, von dem sie besessen ist, sondern ganz ausdrücklich die Existenz eines jüdischen Staates. Da, so wird behauptet, der Holocaust die Ursache und einzig mögliche Rechtfertigung für Israels Existenz ist, fällt Israels Existenzrecht, hätte er nie stattgefunden, in sich zusammen.

Auch für die Postzionisten – eigentlich: Antizionisten – ist der Holocaust selbst nicht von Interesse. Sie postulieren fälschlich, er sei die universelle und grundlegende Erklärung für die Existenz Israels und dessen Verhalten. Die Struktur des Arguments der beiden Seiten ist dieselbe.

Auf dieser falschen Grundlage entwickeln sie weitere Argumente, der Holocaust sei der einzige Grund für die Gründung und Existenz Israels. Die internationale Gemeinschaft, behaupten sie, würde Israel niemals finanziell, politisch, moralisch, militärisch unterstützt haben, gäbe es diese ‚Erpressung‘ nicht, die auf dem Holocaust gründet. Die andere Seite dieses Arguments besteht darin, dass der Holocaust Israels Psyche, Ethos, Machtpolitik und seine angebliche Gewalttätigkeit erklärt.

Die Wahrheit sieht radikal anders aus. Die Grundlagen für die Verwirklichung des zionistischen Programms wurden gelegt, lange bevor der Holocaust auch nur möglich wurde. Weiterhin ist die zionistische Bewegung das einzige Mal der jüdischen Geschichte, bei der Juden politische Macht hatten, die aber nicht zum Töten genutzt wurde. Israel bekämpft seine Feinde, aber mit weit mehr Zurückhaltung als irgendjemand sonst. Die Behauptung, das israelische Ethos sei eines der Gewalttätigkeit, ist verleumderisch.

Die Postzionisten entwickeln ihre falschen Argument in verschiedene Richtungen. Zum Beispiel fragen sie: ‚Warum sollten die Palästinenser den Preis für das bezahlen, was den Juden in Europa angetan wurde?‘ Dies wird auch so formuliert: ‚Israel wurde in Sünde geboren.‘ Die Dämonisierer behaupten dann, um bessere Menschen zu werden müssten Israel und die Juden den Holocaust hinter sich lassen.

Solche Argumente haben eine gewisse Präsenz in der akademischen Welt Israels gewonnen. Auf dieser Grundlage ist viel Literatur verbreitet und eine intellektuelle Gemeinde gleich gesinnter Verzerrer geschaffen worden. Der beste Weg, um international in akademischen Kreisen voranzukommen, besteht darin, Teil eines Systems zu sein. Dann wird man regelmäßig ins Ausland eingeladen und wird veröffentlicht, auch wenn die eigene Arbeit keine signifikante Substanz besitzt. In den letzten Jahren sind wir Zeugen der Veröffentlichung einer großen Zahl postzionistischer Bücher außerhalb Israels geworden.

Ich habe immer zur säkularen Linken gehört. Viele Israelis, die Teil der so genannten „zionistischen Linken“ sind, glaubten, ihre Position sei moralisch vertretbar. Noch immer erkennen einige kaum, dass sie in den Augen der Antizionisten mit all den anderen Israelis zu einer homogenen, kriminellen Horde gehören. Viele dieser zionistischen Linken stellten fest, dass sie gegen ihre persönlichen Freunde und Kollegen opponierten.

In der Vergangenheit haben wir, wie jeder andere, die von Israel gemachten Fehler bedauert. Wir waren viel zu schüchtern darin uns unseren israelischen und jüdischen Feinden entgegenzustellen. Wir müssen jetzt konsequent und laut immer wieder sagen, dass Antizionismus ein Skandal und ein Zeichen moralischen Bankrotts ist.“

 

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