Die niederländischen Nachkriegsregierungen diskriminierten jüdische Überlebende: der Fall der Waisen

Die niederländischen Nachkriegsregierungen diskriminierten jüdische Überlebende: der Fall der Waisen

Manfred Gerstenfeld interviewt Isaac Lipschits (direkt vom Autor)

Als die niederländischen Juden nach den Zweiten Weltkrieg zurückkehrten oder aus ihren Verstecken kamen, war ihre Lage derart abnormal, dass die Behörden mit ihnen anders hätten umgehen müssen. Die Juden hatten eine Katastrophe durchgemacht, die sich radikal von den Erfahrungen des Durchschnittsniederländers unterscheidet. Von den 140.000 Juden, die vor dem Krieg in den Niederlanden lebten, waren mindestens 102.000 ermordet worden. Dieser Prozentsatz war höher als injedem anderen Land Westeuropas.

Isaac Lipschits (1930-2008) lehrte an den Universitäten von Amsterdam, Haifa, Jerusalem, Rotterdam und Leiden. 1971 wurde er Professor für Zeitgeschichte an der Universität Groningen. Er veröffentlichte auch eine ganze Reihe von Büchern.

Lipschits‘ Buch Die kleine Schoah: Juden in den Nachkriegs-Niederlanden, 2001 in den Niederlanden veröffentlicht, wurde ein Bestseller. Darin schrieb er: In den befreiten Niederlanden waren die Juden physisch nicht in Gefahr; doch wir sahen, wie andere Symptome der Schoah zurückkehrten. Verbaler Antisemitismus wurde zugespitzter. Die Plünderung der Juden ging weiter und die jüdische Gemeinde wurde herabgewürdigt. Die Deportation und die Ermordung der Juden endeten, doch die Aussonderung und Isolation der Juden setzte sich fort. Die Schoah war eine Feuersbrunst. Im Mai 1945 wurden die Flammen gelöscht, doch das Feuer schwelte weiter.

Lipschits sagt: Die Regierung machte geltend, dass während des Krieges zwischen Juden und Nichtjuden große Unterschiede gemacht wurden, dies aber nicht länger der Fall sein sollte. Dieser scheinbar egalitäre Ansatz war in Wirklichkeit hoch diskriminierend, denn während des Krieges wurden Juden als Juden verfolgt, nicht als Niederländer. Andere Regierungsmaßnahmen waren für die Juden ebenso nachteilig.

Ein Hauptthema war der Umgang mit jüdischen Waisen. Während des Krieges war es deutlich schwieriger gewesen Verstecke für erwachsene Juden zu finden als für Kinder. Ein Erwachsener musste einen Personalausweis haben, den ein kleines Kind nicht brauchte. Ein Kind konnte immer als Verwandter auf Besuch ausgegeben werden.

Eine Widerstandsgruppe, die Häuser zum Verstecken von jüdischen Kindern fand, wurde von Gesina van der Molen und Sander Baracs geführt. Van der Molen war eine reformierte Christin, überzeugt, dass die Juden Jesus anerkennen sollten, um ihre Seelen zu retten. Baracs war ein assimilierter Jude, der stolz schrieb, dass seine Großmutter mit ihren Kindern und Enkeln Weihnachten feierte. Er selbst heiratete in einer niederländisch-reformierten Kirche.

Nach den Krieg sagten sie: „Wir nahmen es auf uns, einen Platz für diese Kinder zu finden; jetzt, da sie Waisen sind, wollen wir mitbestimmen, was mit ihnen geschieht.“ Sie schmuggelten sogar einen Gesetzesentwurf zur niederländischen Exilregierung nach London, der absurde Vorschläge enthielt. Einer war, dass Eltern, die sich drei Monate lang nicht um ihre Kinder kümmerten, nicht länger das Sorgerecht haben sollten. Wäre dieses Gesetz umgesetzt worden, dann wäre Rückkehrern aus Auschwitz nicht erlaubt worden ihre Kinder zurückzubekommen! Hätten meine Eltern überlebt – was nicht der Fall war – hätten sie das Sorgerecht für mich verloren.

Die niederländische Regierung akzeptierte diesen radikalen Vorschlag nicht. Sie hätte aber weiter gehen und diese Leute als Extremisten betrachten sollen. Stattdessen ernannte sie Van der Molen zur Vorsitzenden des Regierungskomitees, das über das Schicksal dieser Kinder entschied. Für sie wurde ein neuer Name geprägt: Sie waren keine „Kriegswaisen“, sondern „Kriegs-Pflegekinder“. Baracs wurde zum Direktor des Büros des Komitees und hatte weitere Schlüsselpositionen darin inne.

In den Niederlanden war es vor dem Krieg für jede religiöse Gemeinde üblich, dass sie sich um Hilfe benötigende Mitglieder kümmerte, so um die Alten, Waisen, Kranken und die geistig Gestörten. Allein in Amsterdam gab es vier jüdische Waisenhäuser und mehrere jüdische Krankenhäuser. Es gab in den Niederlanden viele jüdische Altersheime. Eine wichtige, zentrale jüdische Institution kümmerte sich um die Geisteskranken. Es wäre für die niederländisch-jüdische Gemeinde normal gewesen, sich nach dem Krieg um die große Zahl jüdischer Waisen zu kümmern. Die Gemeinde hätte von der Regierung vernünftigerweise finanzielle Hilfe dafür erwarten können.

Stattdessen wurde Van der Molens Komitee, in dem die Juden nur eine Minderheit waren, geschaffen, um über das Schicksal der verbliebenen jüdischen Kriegswaisen zu bestimmen. Seine bewusst jüdischen Mitglieder wurden oft von den anderen überstimmt, von denen einige eine konkret antijüdische Agenda hatten. Mehrere Christen betrachteten dieses Komitee als Kanal zur Konvertierung jüdischer Kinder. Van der Molen beschuldigte die Juden sogar Rassisten zu sein, weil sie nach einer jüdischen Lösung für das Problem suchten. Die meisten Mitglieder des Komitees hatten das Gefühl, dass selbst dort, wo jüdische Familienmitglieder überlebt hatten, ihr Kind bei der Familie bleiben sollte, bei der es versteckt worden war. Das wurde ausdrücklich so gesagt.

Es wäre normal und anständig gewesen, hätte man gesagt: „Wir haben die jüdischen Kinder während des Kriegs gerettet und jetzt, nach dem Krieg, geben wir sie als jüdische Kinder ihrem jüdischen Milieu zurück.“ Als diese Kinder aufwuchsen, begannen viele nach ihren jüdischen Wurzeln zu suchen. Einige nahmen sogar wichtige Positionen in der jüdischen Gemeinde ein.

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews in Manfred Gerstenfelds Buch „Europe’s Crumbling Myths; The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism“ (Europas zerfallende Mythen: Die Ursprünge des heutigen Antisemitismus nach dem Holocaust) erschien. Dieses Buch (in englischer Sprache) kann kostenlos beim JCPA heruntergeladen werden.

 

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