Erinnerung an 18.000 ermordete niederländische Kinder

Erinnerung an 18.000 ermordete niederländische Kinder

Manfred Gerstenfeld interviewt Guus Luijters (direkt vom Autor)

Viele Jahre lang störte mich, dass die große Zahl während des Zweiten Weltkriegs ermordeter niederländischer Kinder vergessen worden war. Ich fragte mich, wie man die Erinnerung an sie bewahren könnte. Als ich Serge Klarsfelds Buch aus den 1990-er Jahren über ermordete französisch-jüdische Kinder aus las, hatte ich das Gefühl, dass dies eine passende Art war ihrer zu gedenken.

Ich glaubte, dass irgendjemand irgendwann ein ähnliches Buch über niederländische jüdische und Sinti-Kinder veröffentlicht, die im Holocaust deportiert und ermordet wurden. 2007 – ich war 64 Jahre alt – war es immer noch nicht geschrieben worden. Also entschied ich mich das selbst zu tun. 2012 kam mein Buch In Memoriam heraus. Es erfasst 18.000 Namen von Kindern und ihre Deportationsdatum. In ihrer großen Mehrzahl waren sie jüdisch.

Guus Luijters ist ein nichtjüdischer niederländischer Journalist, Dichter und Experte für französische Literatur. Er hat Romane, Theaterstücke und Drehbücher geschrieben.

Als ich zur Schule ging, gab es bereits einen wichtigen Anstoß für mein Interesse an diesen Kindern. Ich hatte einige jüdische Klassenkameraden. Da sie während des Krieges geboren wurden, hatte keiner von ihnen eine normale Kindheit. Ich hörte schreckliche Geschichten. Ein Mädchen, zu dem ich ein freundschaftliches Verhältnis hatte, wurde von ihrer Mutter über den Zaun des niederländischen Zwischenlagers Westerbork geworfen um sie zu retten, als sie noch ein Baby war. Jemand auf der anderen Seite nahm sie auf. Sie erzählte mir von den vielen Orten, an denen sie ihre Kindheit verbracht hatte. Ich besuchte meine jüdischen Klassenkameraden auch Zuhause, wo ich Karten spielende Damen mit KZ-Nummern auf ihren Armen sah. Sie sprachen vom Krieg, wenn auch verhalten. Das hinterließ bei mir großen Eindruck.

In den Niederlanden gibt es ein digitales Denkmal für die jüdische Gemeinschaft, das Informationen zu allen niederländischen Juden hat, die während des Holocaust getötet wurden. Das gab mir grundlegende Informationen zu den Namen der Kinder. Dann besuchte ich eine Reihe von Archiven und machte 18.000 Namen von Kindern ausfindig, die am Tag ihrer Deportation noch keine 18 Jahre alt waren.

Später hörte ich, dass die junge Historikern Aline Pennewaard 2002 bereits ein Projekt begonnen hatte, in dem sie Bilder im Holocaust ermordeter niederländischer Kinder sammelte. Als wir uns trafen, zeigte sie mir mehr als 400 eingescannte Fotos ermordeter Kinder, die sie in ihrem Laptop gespeichert hatte. Sie hat ein fotografisches Gedächtnis und erinnert sich an alle Fotos. Ich schlug meinem Verleger vor, dass sie Bildeditor des Buches werden sollte. Alles in allem sammelten wir 3.000 Bilder, die uns von Menschen aus vielen Ländern geschickt wurden.

Es dauerte fast fünf Jahre, bis das Buch Anfang 2012 veröffentlicht wurde. Fast 3.000 Exemplare sind verkauft worden, was meine Erwartungen bei weitem übertraf. Ich überzeugte das Amsterdamer Stadtarchiv mit seinen wunderschönen Einrichtungen die Bilder auszustellen. Von Februar bis Ende Mai 2012 wurden alle 3.000 Bilder gezeigt. Eines der Bilder zeigt Anne Frank. Ihr wurde trotz ihres internationalen Ruhms kein auffälliger Platz gegeben. Wir wollten vermeiden, dass die Aufmerksamkeit von den anderen ermordeten Kindern abgezogen wurde.

Die Ausstellung zog viele Besucher an und die Gefühle waren oft gemischt. Die Menschen waren getröstet, dass diesen Kindern wieder eine Identität gegeben wurde. Andererseits gab es tiefe Traurigkeit. Einige Menschen erkannten Familienmitglieder oder entdeckten die Namen von Familienmitgliedern, von denen sie nie gehört hatten. Es dauerte Wochen, bis ich selbst emotional in der Lage war mir die Ausstellung anzusehen.

Während der Ausstellung und danach erhielten wir weitere 700 Bilder. Jeden Tag wurden neue Bilder ermordeter Kinder in die Vitrinen gestellt. Wir erhielten auch viele Briefe. Im November 2012 wurde das Buch mit zusätzlichen 700 Bildern veröffentlicht.

Seit langer Zeit kannte ich den niederländisch-israelischen Filmemacher Willy Lindwer, der viele mit dem Holocaust zusammenhängende Filme drehte und für seine Dokumentation über die letzten sieben Monate von Anne Frank einen Emmy erhielt. Er machte einen beeindruckenden Film über einige der ermordeten Kinder, der im niederländisch-jüdischen Fernsehsender sowie bei unserer Ausstellung gezeigt wurde. Später wurde ich an viele Orte eingeladen, um Vorträge zu halten. Jeder einzelne von ihnen war ein sehr emotionales Ereignis und ich war danach erschöpft.

Luijters erzählt von seinen Plänen. Ich schreibe jetzt eine „Kinderchronik“: Das ist ein Buch mit Zeugenaussagen über während des Holocaust ermordete Kinder. Wir bitten jetzt die Leute, die uns die Bilder schicken, um Erlaubnis diese digital zugänglich zu machen. Wir wollen dies über das Digitale Denkmal der niederländisch-jüdischen Gemeinschaft, das Museum für Jüdische Geschichte in Amsterdam, Yad Vashem und das Erinnerungszentrum im Lager Westerbork tun.

Wir versuchen auch zusammen mit dem Museum für Jüdische Geschichte eine Dauerausstellung der Bilder zu schaffen. Das würde allerdings viel Platz benötigen. Ich hoffen auch, dass die Bilder eines Tages in Israel ausgestellt werden.

 

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