Holocaust-Bewusstsein kam im westlichen Europa erst spät an

Holocaust-Bewusstsein kam im westlichen Europa erst spät an

Manfred Gerstenfeld interviewt Johannes Houwink ten Cate (direkt vom Autor)

Es dauerte sehr lange, bis sich in Westeuropa ein Holocaust-Bewusstsein entwickelte. Akademische Studien zu diesem Themas stellten fest, dass in diesen Gesellschaften während der ersten Nachkriegsjahrzehnte vieles furchtbar falsch lief. Das zeigt sich auf mehrere Arten. Eine war, dass prominente europäische Politiker Selbstbilder heldenhaften Widerstands gegen die Nazis förderten. Eine weitere, dass diese Politiker nicht bereit waren jüdischen Überlebenden finanziell zu helfen. Sie schoben die Verantwortung für die Verfolgung und Auslöschung der Juden so weit wie möglich den Deutschen zu. Das bedeutete, dass die riesige Mitarbeit ignoriert wurde, die die Deutschen von vielen Mitgliedern der besetzten Nationen bei der Enteignung und Deportation der Juden erhielten.

Johannes Houwink ten Cate ist Professor für Holocaust- und Völkermordstudien an der Universität Amsterdam. Er hat sich auf antijüdische Politik Nazideutschlands in den besetzten Niederlanden spezialisiert.

Die einzige vergleichende Studie dazu, wie Eliten in Westeuropa mit der Erinnerung an die Besatzung durch die Nazis – einschließlich des Holocaust – umgingen, wurde von dem angesehenen belgischen Historiker Pieter Lagrou geschrieben. In seinem Buch Das Erbe der Nazi-Besatzung: Patriotische Erinnerung und nationale Erholung in Westeuropa 1945-1965 vermerkte Lagrou, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen den Niederlanden einerseits und Belgien und Frankreich andererseits gab. Im Fall der Niederlande war die Besatzung „eine Erfahrung kollektiver Heimsuchung der Gesamtgesellschaft, einer Aggression von außen und eine moralische Gräueltat an einem Land, das sich als vorbildlicher Schüler in der Schule der Nationen betrachtete“.1

Houwink ten Cate fügt hinzu: Diese letzte Auffassung hat sich nicht geändert. Die Niederländer betrachten sich selbst immer noch als „vorbildlicher Schüler in der Schule der Nationen“, selbst wenn der Rest der Welt dem nicht zustimmt.

Lagrou schrieb weiter: „In der nüchternen Wiederaufbau-Ethik, die die niederländische Gesellschaft in den ersten beiden Nachkriegs-Jahrzehnten bestimmte, wurde der Krieg als Tortur präsentiert, die den sozialen Zusammenhalt und die nationale Identität gestärkt hatte.“2 Diese nationale Erinnerung war – um Lagrou weiter zu zitieren – „rau“ denen gegenüber, die mehr als andere gelitten hatten. „Besonders die jüdischen Überlebenden des Völkermords litten unter mangelnder Anerkennung (…), unter fehlender Unterstützung“, sowohl materiell als auch bezüglich „ihres Verlangens nach Integration“.3 Damit machten die wenigen jüdischen Überlebenden – 75% der niederländischen Juden wurden nach Osteuropa deportiert, um ermordet zu werden – nach Angaben des unparteiischen Lagrou „einen schlechten Handel“: „Für sie gab es keine Solidarität, keinen Trost.“4

Lagrou stellte die niederländische Wahrnehmung der Nazibesatzung ihrem belgischen und französischen Gegenpart gegenüber. In diesen Staaten stellte „der Missklang“ der Erinnerungsschilderungen unterschiedliche Opfergruppen „in makabre Rivalität und Gegnerschaft“. Dennoch bot dies den jüdischen Opfern mehr Anerkennung und mehr Trost als der „nüchterne Konsens“ in den Niederlanden.5

In den 1950-er Jahren stellten sich die Niederländer als eine Nation dar, die im Widerstand gegen die Nazis geeint war – eine Sicht, die vom Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation (damals RIOD genannt, heut NIOD) aktiv unterstützt wurde; das Institut konzentrierte seine Forschung auf die drei Streiks während des Krieges.

In Frankreich prägte der angesehene Historiker Henry Rousso 1987 den Neologismus „Résistancialisme“, um die gaullistische Bemühung zu beschreiben Résistance, Nation und Staat in einen Topf zu werfen,6 doch dieses Bestreben war nicht so dominant wie beim niederländischen Pendant. Dennoch ignorierten französische Historiker 35 Jahre lang die Mitverantwortung der Vichy-Regierung bei der Verfolgung der Juden. Erst 1981 beschrieben der amerikanische Historiker Robert O. Paxton und sein kanadischer Kollege Michael R. Marrus diese Mitverantwortung in vollem Umfang.7

Die Lage war in Westdeutschland nicht grundsätzlich anders. Zuerst wurde es in verschiedenen Staaten des Ostblocks und später in der deutschen Linken zur Gewohnheit, richtigerweise zu proklamieren, dass die Erfolgsbilanz der Bundesrepublik Deutschland dabei, Holocaust-Täter der Gerechtigkeit zuzuführen, mager war.8 Sie war so armselig wie sie tatsächlich auch in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, wenn es darum ging ihre Bürokraten vor Gericht zu bringen, die den Deutschen geholfen hatten. Diese öffentlichen Bediensteten blieben als Gruppe ohne Strafe.

Heute sind ironische Beschreibungen von Staaten, die sich selbst als „heldenhafte Nationen“ darstellen – ob das nun die Niederländer sind, die Franzosen oder die Deutschen – eine Art Genre geworden. Doch Roussos Buch kennzeichnet die Geburt von Nach-Holocaust-Studien als eigenes akademisches Feld.

Nach-Holocaust-Studien als Forschungsbereich sind rasch ausgeweitet und akademischer geworden. Jüngere Veröffentlichungen – wie das Buch von Lagrou – gründen oft auf vielen Jahren Forschungsarbeit in Staatsarchiven und Archiven von Bürgerrechts-Organisationen.

Houwink ten Cate schließt: Diese Studien zum nationalen Selbstbild sind Teil der sich entwickelnden Disziplin der Post-Holocaust-Studien. Sie wird stark durch den Input von Forschern bereichert, die entweder juristische Experten sind oder ein ausgeprägtes Gefühl und Verständnis von Rechtsfragen haben. Dieser Lernzweig deckt viele andere Bereiche mit ab, so Bildung, Psychologie, Zeitgeschichte usw. Es gibt viele verschiedene Felder der Post-Holocaust-Studien. Sie sind jedoch nicht akademisch strukturiert, d.h. es gibt keine Professuren dazu. Würden diese jedoch geschaffen, gäben sie dieser wichtigen Disziplin die nötige Unterstützung.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 Pieter Lagrou: The Legacy of Nazi Occupation: Patriotic Memory and National Recovery in Western Europa, 1945-1965. Cambridge (Cambridge University Press) 2000, S. 293.
2 ebenda
3 Lagrou, S. 293, 295.
4 Lagrou, S. 330.
5 Lagrou, S. 303-304.
6. Henry Rousso: Le Syndrom de Vichy: (1944-198..). Paris (Seuil) 1987).
7 Michael R. Marrus/Robert O. Paxton: Vichy France and the Jews. New York (Basic Books) 1981.
8 Dick de Mildt: In the Name of the People: Perpetrators of Genocide in the Reflection of their Post-War Prosecution in West Germany: The ‘Euthanasia’ and ‘Aktion Reinhard’ Trial Case. Den Haag/London/Boston (Martinus Nijhoff Publishers) 1996, S. 18-40.

 

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