Der Ursprung des niederländischen Islamo-Nazismus
Anfang September wurde – recht plötzlich – klar, dass Islamo-Nazismus in den Niederlanden beträchtlichen Umfang angenommen hat und bereits zu einer halbwegs organisierten Bewegung geworden ist. Rob Bertholee, Leiter des AIVD – des niederländischen Allgemeinen Geheimdienstes – sagte in einem Interview, dass die Jihadisten-Bewegung hunderte Anhänger hat, die Zahl der Sympathisanten des gewalttätigen Jihad in den Niederlanden aber in die Tausende geht.1 Im Juli 2014 veranstalteten Dutzende Unterstützer des Islamischen Staats (IS) in Den Haag eine Demonstration Zu darauf folgenden Gelegenheiten wurden bei antiisraelischen Demonstrationen Flaggen des IS und der Hamas gezeigt. Bis dahin hieß es offiziell, dass es 130 Jihadisten gibt, die die Niederlande verließen; 30 waren aus dem Nahen Osten zurückgekehrt und rund 15 wurden getötet.2
Der Islamo-Nazismus in den Niederlanden hat üble, weit zurückgehende und seltsame Wurzeln. Im vergangenen Jahrhundert, lange bevor das Problem der Islamo-Nazis bestand, waren bereits einige ihrer Parolen beliebte Redewendungen, die in niederländischen Fußballstadien gesungen oder gebrüllt wurden.3 Die Behörden gingen nicht gegen Sprüche wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ oder „Tod den Juden“ vor. Sie betrachteten das Stadion vielmehr als extraterritoriales Gelände, in dem das niederländische Recht nicht voll anzuwenden ist.
Ein bizarrer Aspekt dieser Sprüche bestand darin, dass ihre Ziele nicht Juden waren, sondern fanatische Fans des Amsterdamer Fußballclubs Ajax. Aus unerfindlichen Gründen nannten diese sich selbst „Juden“. Radikale Anhänger anderer Fußballvereine wie Feyenoord Rotterdam schrien ihre Hass-Parolen, wenn ihr Verein gegen Ajax spielte. Da die Behörden nicht reagierten, begannen diese antisemitischen Sprüche sich ihren Weg aus den Fußballstadien hinaus zu bahnen. Als Feyenoord 1999 niederländischer Fußballmeister wurde, schrie einer seiner Spieler, Ulrich van Gobbel, vor einer riesigen Menge auf einer von Rotterdams Hauptstraßen achtmal ins Mikrofon: „Wer nicht springt, ist ein Jude.“4
Fußballfans sangen die Hass-Parolen auch in öffentlichen Verkehrsmitteln.5 In der Folge wurden die antisemitischen Sprüche gegen erkennbare Juden verwendet. Oberrabbiner Binyomin Jacobs erinnert sich, dass er einmal zusammen mit einem Kollegen, einem nicht jüdischen Psychologen, in einen Zug stieg. Dieser war mit vielen Fans von Feyenoord vollgepackt, die anfingen zu brüllen: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“6 Der Fußball-Antisemitismus nahm ab, nachdem 2004 ein Spiel in Den Haag abgebrochen wurde, als die Fans sangen „Hamas, Hamas, der Schiedsrichter ins Gas.“7 Seitdem sind die Behörden von Zeit zu Zeit gegen die Hass-Sprüche vorgegangen.
Einige junge Muslime wurden die Vorläufer der heutigen Islamo-Nazis. 2001 gaben in mehreren niederländischen Schulen muslimische Jugendliche ihrer Freude über den 11. September Ausdruck. Auch wurde starke Bewunderung für Osama bin Laden zur Schau gestellt.8 In Amsterdam spielten 2003 am nationalen Gedenktag während der Feier zu Ehren der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs marokkanische und türkische Jugendliche Fußball mit den Kränzen und schrien „Tod den Juden“.
Im April 2004 saß ich während eines Besuchs in Amsterdam in einem Straßenbahnwagen, als vier Jugendliche im Alter von etwa 15 Jahren mit olivfarbener Haut von hinten hereinkamen und sich ein paar Meter hinter mir hinsetzten. Einer von ihnen begann zu singen: „Du musst Juden töten, aber es ist verboten.“ Das richtete sich nicht speziell gegen mich, da ich keine äußeren Zeichen meines Glaubens trug und sie mich nur von hinten sehen konnten. Dieser Vorfall sollte der Anfang meines Buches aus dem Jahr 2010 werden, dessen Titel man mit „Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden“ übersetzen kann.10
Am 4. November 2004 gab es eine radikale Veränderung. An diesem Tag ermordete der Marokkaner Mohamed Bouyeri den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh. In einem Brief, den er mit einem Messer auf Van Goghs Leiche befestigte, bedrohte er auch Ayaan Hirsi Ali, damals niederländische Parlamentarierin, mit dem Tod. Sie ist später in die USA gegangen.11 Einige weitere niederländische Muslime, mit denen sich Bouyeri regelmäßig traf, wurden wegen des Vorwurfs versuchten vorsätzlichen Mordes verhaftet. Einige wurden verurteilt und gingen ins Gefängnis.12Es gab auch einige öffentliche Aufmerksamkeit für die Tatsache, dass zwei niederländische Jihadisten 2002 im Kaschmir getötet wurden.
In den Jahren nach dem Mord an Van Gogh verfiel die Situation und wurde weniger transparent. Der AIVD verkündete 2006, dass die Rekrutierung von Jihadisten in den Untergrund gegangen war.13 Es gab regelmäßig Todesdrohungen gegen den gut geschützten, antiislamischen Politiker Geert Wilders; von Zeit zu Zeit wurden auch andere ins Visier genommen. Einer, der Dutzende Todesdrohungen erhielt, ist Ehsam Jami, der eine Organisation ehemaliger Muslime gegründet hatte. Er wurde auch körperlich angegriffen.14 Es wurde öffentlich bekannt, dass die Amsterdamer El-Tawheed-Moschee ein Buch mit dem Titel „Der Weg des Islam“ verkaufte, das Rat gab, wie man Homosexuelle von hohen Gebäuden stürzt.15
Die Beobachter muslimischer Internetseiten versuchten systematisch, Hassreden und Aufrufe zu Gewalt auszufiltern, aber sie waren nicht immer erfolgreich.16Gelegentlich besuchten aufhetzerische Imame aus dem Ausland die Niederlande.17Dieses Jahr gab der stellvertretende Premierminister Lodewijk Asscher zu, dass das Innenministerium Jahre lang die Möglichkeit außer Acht gelassen hatte, ihre Einreise in die Niederlande zu verbieten.18
2006 machte der Rapper Appa ein Video, in dem maskierte Jugendliche Hamas-Flaggen schwenkten. Es wurde mehr als eine Million Mal heruntergeladen.19 Im September 2007 fand in Rotterdam ein propalästinensischer Kongress statt, zu dem Hamas-Führer Ismail Haniyeh eingeladen wurde. Die niederländische Regierung verbot ihm allerdings die Einreise. Daraufhin sprach Haniyeh über Video zum Kongress. Auch der ehemalige niederländische Premierminister Dries van Agt, ein Christdemokrat, sprach dort. Dieser führende niederländische Hetzer gegen Israel sagte auf dem Kongress, dass die Hamas von der Liste der Terrororganisationen gestrichen werden sollte.20 2009 schrien antiisraelische Demonstranten in Amsterdam: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“ Zwei Parlamentarier der linken Sozialistischen Partei, die an der Demonstration teilnahmen, behaupteten, sie hätten diese Sprüche nicht gehört. Sie gaben zu, dass sie selbst schrien: „Intifada, Intifada, Palästina muss frei sein.“21
Mit dem Bürgerkrieg in Syrien wurde der Islamo-Nazismus in den Niederlanden erwachsen. Er blieb jedoch weithin im Untergrund, denn die Jihadisten, die nach Syrien gingen, wollten nicht die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich lenken, da diese ihre Ausreise hätten verhindern können. In diesem Sommer erreichte dann der Jihadismus die Öffentlichkeit Jetzt hat der AVID endlich eingestanden, was dieser Geheimdienst schon lange gewusst haben muss – dass die Zahl der jihadistischen Sympathisanten in den Niederlanden in die Tausende geht.
Dr. Manfred Gerstenfelds kommendes Buch „The War of a Million Cuts“ analysiert, wie Israel und die Juden delegitimiert werden und wie man dagegen kämpfen kann.
Er war von 2000 – 2012 Vorsitzender des Jerusalem Center of Public Affairs.
1 Harry Lensink, Jaco Alberts: AIVD-baas Rob Bertholee over ‘het fenomeen’. Vrij Nederland, 3. September 2014. [niederländisch]
2 Politie pakt paspoort 10 leden ‘jihadgezinnen’ af. Volkskrant, 30. August 2014. [Niederländisch]
3 Einen Überblick über den niederländischen Fußball-Antisemitismus finden Sie bei: Manfred Gerstenfeld: Anti-Semitism and the Dutch Soccer Fields. Journal for the Study of Anti-Semitism, Band 3, Ausgabe 2/2011, S. 629-646.
4 Simon Kuper: Ajax, de joden, Nederland. Hard Gras 22 Amsterdam (L.J. Veen) 2000, S. 141. [niederländisch]
5 Manfred Gerstenfeld: Het Verval, Joden in een Stuurloos Nederland. Amsterdam (Van Praag), 2010, S. 23. [niederländisch]
6 ebenda, S. 25
7 Robert Misset: Staking na wangedrag ADO-fans. Volkskrant, 18. Oktober 2004. [niederländisch]
8 Margalith Kleijwegt, Max van Weezel: Het land van haat en nijd. Amsterdam (Balans), 2006, S. 108. [niederländisch]
9 Dodenherdenking in Amsterdam verstoord. In: Trouw, 9. Mai 2003. [niederländisch]
10 Manfred Gerstenfeld: Het Verval.
11 Jean Wanningen: Er is vandaag een Amsterdammer vermoord. Dagelijkse Standaard, 2. November 2013. [niederländisch]
12 Lid Hofstadgroep Jason W. is vrij. In: NOS.nl, 11. May 2013. [niederländisch]
13 Ons ideaal is islamitische maatschappij; ook in Nederland. Telegraaf, 24. Januar 2008. [niederländisch]
14 Stroom telefonische doodsbedreigingen voor Jami. Volkskrant, 9. August 2007. [niederländisch]
15 Omstreden, nooit veroordeeld. NRC Handelsblad, 9. November 2004. [niederländisch]
16 Aantal linkse sites groeit nauwelijks, aantal moslimsites wel. NRC.nl, 25. August 2007. [niederländisch]
17 Speech sjeik Khalid Yasin op YouTube. Volkskrant, 25. Januar 2009. [niederländisch]
18 Harde aanpak haat-imams. NOS.nl, 25. August 2014. [niederländisch]
19 Robbert de Witt: Wilders doet aangifte tegen Marokkaanse rapper. Elsevier, 19. August 2007 [niederländisch]
20 De Hamas-broeder moest achter de muur blijven. NRC Handelsblad, 7. Mai 2007. [niederländisch]
21 Robbert de Wit: Van Bommel: Intifada oproep buitengewoon onhandig. Elsevier,15. Januar 2009. [niederländisch].