Die Nachwirkungen des Holocaust und der derzeitige Antisemitismus
Manfred Gerstenfeld interviewt Nathan Durst (direkt vom Autor)
Linke Gruppen in wohlhabenden Ländern nutzten die Palästinenser politisch – indem sie sich mit ihnen identifizieren – um ihre eigenen Identitäten zu entwickeln. Das setzt sie in die Lage tiefer empfundene Wünsche zu erfüllen, so ihr Verlangen einen Unterdrücker zu bekämpfen. Dafür müssen sie Ziele definieren: die Amerikaner, die Globalisierer, die Multinationalen, den westlichen Kapitalismus und natürlich Israel.
Als Israel und die Juden in der Vergangenheit als ewige Opfer betrachtet wurden, die die Welt an das ihnen zugefügte Böse erinnern, konnten Linke sich leicht mit Israel identifizieren. Sie behaupten höhere Ideale und moralische Werte zu haben, die Gesellschaft verändern zu wollen, Minderheiten zu helfen, Unterdrückte zu unterstützen und soziale Gerechtigkeit zu bringen. Aber in den Zeiten von Selbstmordbombern ist es immer noch politisch korrekt, sich mit dem palästinensischen Volk als dem akzeptieren Opfer zu identifizieren, auch wenn dies den Preis mit sich bringt die Fakten im Namen von Moral und Emotionen zu verdrehen, selbst wenn das zu neuer Verfolgung führen könnte.
Dr. Nathan Durst wurde in Berlin geboren und floh 1939 in die Niederlande. Er zog 1971 nach Israel, wo er 2012 verstarb. Er war Vorsitzender der Israelischen Psychotherapeutischen Vereinigung und lehrte an der Universität Tel Aviv. Durst war Mitgründer des AMCHA (Israeli Center for Holocaust Survivors and the Second Generation) und arbeitete als Klinik-Direktor.
Der Postmodernismus wird mit einer progressiven politischen Perspektive identifiziert. Dazu gehört es auch Kulturen oder Völkern Anerkennung zu zollen, die durch die Zeitalter hindurch unterbewertet worden sind. Das verhindert, dass man unterdrückte Kulturen beschuldigt ungerechte Gesinnungen zu haben. Man begegnet hier zweierlei Maß. Kritisieren darf man nur diejenigen, die an der Macht sind, aber nicht die Unterdrückten. Solch einer Haltung fehlt intellektuelle Integrität.
Hatten linke Gruppen die Palästinenser erst einmal als das wahre Opfer definiert, wurden diese zum Liebesobjekt in gewissen westeuropäischen Kreisen. Danach ist es nicht schwer ein Hassobjekt festzulegen: Israel. Nicht alle Mitglieder dieser Gruppen sind notwendigerweise Antisemiten. Diskussionen über den israelisch-palästinensischen Konflikt und Unterdrückung oder die Befreiung der Gebiete sind politisch legitim. Viele Antisemiten sind jedoch mit dem Konflikt glücklich. Jetzt können sie Israel öffentlich kritisieren und Menschen mit ihm verbinden: die Juden. Vorurteile stehen an erster Stelle und sie zu rechtfertigen ist leicht. In einer ungewöhnlichen Koalition finden sich die einander gewöhnlich bekämpfenden Rechts- und Linksextremen auf derselben Seite gegen die Juden wieder.
Ausbrüche mit antisemitischen Untertönen werden ebenfalls mit Europas Schuld gegenüber dem Holocaust in Verbindung gebracht. Wenn die schuldige Person schlecht ist, wird das jüdische Opfer gut. In dem Moment, wo gezeigt werden kann, dass letztere auch schlecht sind, wird der „andere“ – soll heißen: der Europäer – von seinen Schuldgefühlen erlöst. Zu behaupten, dass die Israelis sich wie Nazis verhalten, vermindert die Sünde der Großeltern. Dann können die Kinder der Opfer nicht länger die Ankläger sein. Das macht alle gleich.
Einige Europäer müssen daher behaupten, dass Juden fähig sind zu tun, was ihnen angetan wurde. Der portugiesische Schriftsteller José Saramago, der Ramallah und Auschwitz gleich setzte, machte genau das. Wenn man alles als Auschwitz bezeichnet, leugnet man den Holocaust. Da alles furchtbar wird, gibt es das absolut Böse nicht mehr. Das ist eine große Entlastung ihrer Schuld.
Mancher argumentiert, dass Israels Verhalten Antisemitismus verursacht; andere erklären, Antisemitismus entstamme aus jüdischen Ansprüchen finanzieller Entschädigung. Beide Theorien sind falsch. Wo Antisemitismus nicht latent präsent ist, kann er nicht aufkommen. Existiert er einmal und wird vielleicht nicht durch die eine Sache an die Oberfläche gebracht, dann wird eine andere das tun. Menschen werden nicht als Antisemiten geboren, sie erwerben ihn in der Schule, ihrem Zuhause oder in der Gesellschaft.
Durst schließt, dass es unmöglich ist die Lektionen der Schoah intellektuell zu verarbeiten:Man kann nicht glauben, dass der eigene Vater, Großvater oder so viele andere ihrer Zeitgenossen eifrige Mörder oder deren Helfer und Unterstützer waren. Es ist unmöglich mit dem Gefühl zu leben, dass „mein Großvater ruhig Menschen ermordete“. Sehr wenige Bücher gestehen ein: „Wir sind schuldig gewesen.“
Es mag mehrerer weitere Generationen bedürfen, um zu erfahren, wie man diese Information geistig verarbeiten kann. Die Juden können mit latentem Antisemitismus leben, aber wer die jüngere Geschichte kennt, erkennt, dass dies zu Massenvernichtung führen kann. Innerhalb der kollektiven jüdischen Erinnerung wird es schwierig in objektiven Begriffen zu denken. Wir haben uns in extrem hilflosen Situationen befunden und wir möchten diese Erfahrung nicht wiederholen. In letzter Zeit ist der europäische Antisemitismus gewalttätig wieder an die Oberfläche gekommen. Es scheint so, dass es für die europäischen Juden drei Optionen gibt: zu protestieren (ohne sonderlichen Erfolg), nach Israel auszuwandern oder das Judentum aufzugeben.
Ich spreche oft mit Deutschen. Sie wollen, dass Israel ein „Licht für die Völker“ ist. Wenn wir ihren illusorischen Standards nicht gerecht werden, werden wir wieder zu Dämonen. Andere projizieren ähnliche Sehnsüchte auf uns. Das ist der Kern des zweierlei Maß gegenüber Israel und eine Ausdrucksform von Antisemitismus. Die Nachwirkungen des Holocaust und der nicht so „neue“ Antisemitismus sind also direkt miteinander verbunden.