Terrorismus gegen jüdische Gemeinden und Israelis im Ausland

Terrorismus gegen jüdische Gemeinden und Israelis im Ausland

Manfred Gerstenfeld interviewt Michael Whine (direkt vom Autor)

Im März ermordete Mohammed Merah vor einer jüdischen Schule in Toulouse einen jüdischen Lehrer und drei Kinder. Im Juli 2012 wurden fünf israelische Touristen und ein Bulgare am Flughafen Burgas in Bulgarien von einem Selbstmordbomber getötet. Diese Angriffe und geplante andere, die verhindert wurden, haben einmal mehr die Aufmerksamkeit auf Terrorismus gegen jüdische Diaspora-Gemeinden und israelische Ziele im Ausland fokussiert.

Dieser Terrorismus ist die gewalttätigste Erscheinungsform des zeitgenössischen Antisemitismus. Er ist Beleg dafür, dass das Leben eines jeden Juden oder Israeli im Ausland bedroht ist. Die schädigenden Auswirkungen, die ein erfolgreicher Terroranschlag mit vielen Opfern auf jüdisches Gemeindeleben haben würde, sind riesig. Das ist der Grund, dass jüdische Gemeinden in Europa weit mehr Anstrengungen und Geld in die Sicherheit ihrer Gemeindegebäude investieren als ähnliche Organisationen.

Michael Whine ist Direktor für Regierungs- und internationale Angelegenheiten beim Community Security Trust, der Verteidigungsorganisation des britischen Judentums. Er hat ausgiebig über Terrorismus und andere Themen Texte veröffentlicht.

Viele Terrorgruppen sind zutiefst antisemitisch. Es gibt quer durch die unterschiedlichen extremistischen Ideologien die allgemeine Überzeugung, dass Juden, der Zionismus oder Israel die Schaffung einer neuen, besseren Welt verhindern. Dennoch sind derzeit für viele Terroristen nicht Juden das Hauptziel, sondern die Vereinigten Staaten und andere Länder mit Streitkräften in Afghanistan. Das Ausmaß, in dem Terroristen Juden als Hauptziel betrachten, mag teilweise davon abhängen, welche Rolle traditionelle antisemitische Stereotype in ihrer Weltsicht spielen.

Unter den Quellen des Terrorismus gegen Juden und Israelis außerhalb Israels ist die salafistisch-jihadistische die gefährlichste. Es gibt viele Hinweise, dass sie sich auf dem Vormarsch befindet. Davor waren die Haupttäter antijüdischen Terrorismus säkulare palästinensische Terroristen gewesen. Andere waren gewalttätige Extremisten vielfältiger Hintergründe, z.B. Neonazis, Marxisten-Leninisten, Anarchisten, arabische Nationalisten, khomeinistische Revolutionäre und radikale sunnitische Islamisten. Von den einundfünfzig dokumentierten Anschlägen und verhinderten Komplotten in der Zeit von 2002 bis 2010 wurden neununddreißig von Al-Qaida, ihren angeschlossenen Gruppen, Lashkar-e-Toiba und anderen ausgeführt, die von der globalen Jihad-Bewegung motiviert sind. Historisch hat es Verbindungen zwischen verschiedenen Terrorbewegungen gegeben, obwohl es korrekter ist jede als unabhängig zu betrachten.

Der tödlichste Terroranschlag war die LKW-Bombe am Hauptsitz der Asosación Mutual Israelita Argentina (AMIA) in Buenos Aires im Juli 1994. Fünfundachtzig Menschen wurden getötet. Wir wissen inzwischen, dass der Anschlag von Führern der iranischen Regierung angeordnet wurde. Während der 1980-er und 1990-er Jahre verübten der Iran und die Hisbollah wiederholt Terroranschläge gegen jüdische oder israelische Ziele außerhalb Israels. Dazu gehörten: der Bombenanschlag auf jüdische Gemeinde-Institutionen in Paris im September 1986 durch libanesische Schiiten unter der Kontrolle der Hisbollah; ein fehl geschlagener Anschlag mit einer Autobombe gegen ein jüdisches Gemeindegebäude in Bukarest 1992, von dem später festgestellt wurde, dass er von der Hisbollah hätte ausgeführt werden sollen; und der 1993 fehl geschlagene Hinterhalt auf den türkischen jüdischen Leiter Jak V. Kamhi durch eine mit dem Iran verbundene Gruppe.

Ayman al-Zawahiri, inzwischen Führer der Al-Qaida, gab mehrere Aufrufe aus, zusätzlich zu Israelis auch Juden anzugreifen. In seinem Buch Knights under the Prophet’s Banner (Ritter unter dem Banner des Propheten) aus dem Jahr 2001 schrieb er: „Die Amerikaner und die Juden aufzuspüren ist nicht unmöglich. Sie mit einer einzelnen Kugel, einem Stich oder einem Gerät zu töten, das aus einem beliebten Mix aus Sprengstoffen erstellt wird, oder sie mit einer Eisenstange zu schlagen, ist nicht unmöglich. Ihre Immobilien mit Molotowcocktails niederzubrennen ist nicht schwer. Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln könnte eine kleine Gruppe sich für die Amerikaner und die Juden als Schrecken einflößender Horror erweisen.

2008 begrüßte al-Zawahiri „jede Operation gegen jüdische Interessen“ und versprach „so gut wie möglich danach zu streben den Juden innerhalb und außerhalt Israels Schläge zu versetzen“. Kurz darauf veröffentlichte er ein Video, in dem er auf die Frage antwortete, warum Al-Qaida Angriffe auf Israel vermied: „Weiß die Person, die das fragte, nicht, dass Al-Qaida gegen die Juden in Djerba in Tunesien zugeschlagen hat und gegen israelische Touristen in ihrem Hotel in Mombasa? Wir versprechen unseren muslimischen Brüdern, dass wir unser Bestes tun werden, gegen die Juden zuzuschlagen, sowohl innerhalb wie außerhalb Israels. Und mit der Hilfe Allahs werden wir Erfolg haben.“

Es gibt viele weitere radikal-muslimische Religionsführer, die zum Mord aufrufen. Zum Beispiel erklärte der Oberste Führer der Muslimbruderschaft in Jordanien, Scheik Himam Sa’id, in einer Rede an Palästinenser in Hebron: „Ihr führt jetzt einen Krieg gegen die Juden. Ihr kennt euch gut damit aus. Wir sahen, wie ihr an einem Tag im Jahr 1929 die Juden in Hebron abschlachtetet. Schlachtet sie heute im Land Hebron ab. Tötet sie in Palästina.“

Britische, amerikanische, israelische und andere Sicherheitsdienste haben manchmal veröffentlicht, wenn sie ein terroristisches Komplott gegen jüdische und israelische Ziele verhinderten. Jüdische Gemeinden erhalten weiterhin diskrete Warnungen, um die Sicherheit an ihren Gemeindegebäuden zu verstärken. Ihre Sicherheitslage wird sich in den kommenden Jahren allerdings kaum verbessern, obwohl es inzwischen mehr Anerkennung der Bedrohungen gibt, denen sie sich ausgesetzt sehen.

 

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