Europa: Angriffe auf die Beschneidung
Manfred Gerstenfeld interviewt Mark Weitzman (direkt vom Autor)
In Europa sind im Verlauf der letzten Jahre bedeutenden Attacken gegen die religiöse Beschneidung aufgekeimt. Ein Landgericht in Köln stieß das Thema im Frühjahr 2012 in die Schlagzeilen. Es entschied, dass Beschneidungen Körperverletzungen und damit vom Gesetz nicht geschützt sind.
Die Auswirkungen des Gerichtsurteils waren schnell zu spüren, selbst außerhalb Deutschlands. Der Landeshauptmann des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg ermahnte Ärzte, wenn sie Beschneidungen durchführten, seien sie nicht vom Gesetz geschützt. In der Schweiz stellten zwei Krankenhäuser ebenfalls alle nicht medizinischen Beschneidungen ein. Die daraus resultierende Auseinandersetzung veranlasste den Bundestag im Dezember 2012 eilig ein Gesetz zu verabschieden, das die rituelle Beschneidung schützt. Danach nahmen auch die Österreicher und Schweizer ihre geplanten Verbote zurück.
Mark Weitzman, Direktor für Regierungsangelegenheiten des Simon Wiesenthal-Zentrums, hat seinen Sitz in New York. Er ist der Gewinner des National Jewish Book Awards for Best Anthology 2007 für sein Buch „Antisemitism, the Generic Hatred: Essays in Memory of Simon Wiesenthal“ (Antisemitismus, Gattungshass: Aufsätze zum Gedenken an Simon Wiesenthal).
In mehreren Ländern wie Norwegen, Dänemark und Schweden wurde der Vorschlag medizinisches Personal in das Prozedere ritueller Beschneidungen zu involvieren von den jüdischen Gemeinden bereitwillig akzeptiert. Doch das hat die starke europäische Lobby nicht aufgehalten, die darauf erpicht ist das Ritual zu verbieten.
Angriffe gegen die Beschneidung – und das rituelle Schlachten – entstammen oft tief sitzenden antimuslimischen Ansichten. 2011 sagte mir ein norwegischer Parlamentarier, der Vorschlag der Zentrumspartei – Mitglied der Regierungskoalition – die Beschneidung zu verbieten richte sich gegen Muslime, wobei die jüdische Praxis als Kollateralschaden mit betroffen sei. Muslimische Gemeinden lassen regelmäßig Juden die Führung bei der Bekämpfung der Angriffe auf die Beschneidung übernehmen. Die jüdischen Gemeinden werden als politisch erfahren und örtlich verankert angesehen.
Sieht man sich die beliebten Redewendungen in Europa an, die für das Verbot der rituellen Beschneidung werben, findet man oft Antisemitismus als treibende Kraft. Dasselbe gilt für Angriffe auf das rituelle Schlachten. Am besten sieht man das in modernen Ausdrucksformen wie politischen Karikaturen, Leserbriefen in Zeitungen, Rückmeldungen oder in Einträgen in Internetforen. Einige dieser Erscheinungsformen könnten mit Propaganda in Verbindung stehen, die durchweg Israelis und infolgedessen alle Juden als blutrünstige Schlächter darstellt, die Formen (ritueller) Morde, Organernte und andere barbarische und unmenschliche Taten betreiben und folglich in der Lage sind Baby und Tieren gegenüber grausam zu sein.
Es gibt in der Tat einige aufrichtige Gegner der Beschneidung, die unter dem Banner der „Rechte des Kindes“ zu Felde ziehen. Sie wollen das vermeiden, was sie als für Säuglinge unnötigen Schmerz ansehen. Ich bin aber niemals Vorschlägen begegnet diese Einschränkungen auf andere „Erfindungen“ wie Impfungen anzuwenden, die negative Reaktionen hervorrufen könnten, genauso wenig auf kosmetische Eingriffe wie Ohr- oder Nasenstechen oder die bei Tätowierungen genutzte Tinte, die in die Haut eindringt und beträchtliche Gesundheitsrisiken darstellen kann.
Die Antibeschneidungs-Lobby ist eine komplexe Koalition. Sie besteht aus Anti-Einwanderungs- und fremdenfeindliche Politikern – einschließlich einiger rechtsextremer Dämagogen -, radikalen Menschenrechtskämpfern, antireligiösen Säkularisten und einigen Vertretern medizinischer und wissenschaftlicher Berufe. Ein Bericht der American Academy of Pediatrics vom August 2012 erklärte: „Der Nutzen [der Beschneidung] überwiegt die den Risiken.“ Diese Feststellung wurde in einer von einigen prominenten europäischen Ärzten veröffentlichten Abhandlung rüde als Ergebnis „kultureller Voreingenommenheit“ seitens der Amerikaner abgelehnt!
Die Hälfte derer, die die Abhandlung unterschrieben, kam aus Skandinavien. Ein Großteil der Opposition gegen jüdische und muslimische religiöse Praktiken und Rituale konzentriert sich dort. Im Mai 2013 veröffentlichte Dagbladet, eine bekannte landesweite norwegische Zeitung, eine bösartige antisemitische Karikatur, in der ein Jude dargestellt wurde, wie er ein Baby bei der Beschneidung folterte. In der Reaktion auf die Karikatur wurde Ervin Kohn, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Oslo, mit den Worten zitiert, in Norwegen „ist es nicht unüblich die Brit Milah (Beschneidung) mit dem Abschneiden von Gliedmaßen zu vergleichen und Verstümmelung zu nennen. Das ist eine Form boshafter Propaganda“.
Kommentare einiger norwegischer politischer Führungspersönlichkeiten schürten das Feuer. Im Juni 2012 erklärte eine Sprecherin der Zentrumspartei, die religiöse Beschneidung sei „überholt, gefährlich und sollte verboten werden… Sie ist ein Brauch, den wir in einer modernen, zivilisierten Gesellschaft nicht akzeptieren können.“ En paar Monate später diskutierte Finnlands drittgrößte Partei, die nationalistischen „Wahren Finnen“, ebenfalls den Vorschlag eines Verbots im Parlament. In Dänemark erklärte ein Abgeordneter der Rot-Grünen Partei: „Wir vertreten ein Verbot der Beschneidung.“
Doch in einigen skandinavischen Ländern scheint es andere beunruhigende öffentliche Gesundheitsfragen zu geben, die zu mehr Sorge veranlassen dürften. Eine ist der stete Anstieg des Heroinkonsums per Spritzen in Norwegen seit den 1980-er Jahren. Das hat Norwegens Gesundheitsminister dazu veranlasst das Rauchen von Heroin zu entkriminalisieren. Doch bei einigen Personen der norwegischen Öffentlichkeit beherrschen weiterhin die Bemühungen die Beschneidung zu verbieten ihre Aufmerksamkeit.
Der Einfluss der Anti-Beschneidungs-Kampagnen betrifft alle Juden überall in Europa. Verbote des Rituals würden den Juden nur zwei Wahlmöglichkeiten lassen, wenn sie ihre religiösen Grundgebote einhalten wollen. Sie könnten entweder die Länder verlassen, in denen die Verbote verordnet werden. Oder sie könnten ihre religiöse Identität verbergen, in etwa so wie die versteckten Juden es während der Zeit der Inquisition tun mussten.
Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.
Anmerkung heplev:
Was Deutschland – den Auslöser dieser „Diskussion“ – angeht, muss man sich das hier auf der Zunge zergehen lassen:
Ein deutscher Arzt hatte bei der Beschneidung eines muslimischen Jungen einen Fehler begangen; die muslimische Familie hatte daraufhin geklagt. In der Folge waren aber ausschließlich Juden in den Schlagzeilen, mehrere Rabbiner vor allem, gegen die Anzeige erstattet wurde, weil sie als Mohel Beschneidungen durchführten.
Der Deutsche Bundestag erließ ein Gesetz, mit dem bestimmt wird, dass Beschneidungen nur von medizinische geschultem Personal – Ärzten! – durchgeführt werden sollen.
Fazit: Nach der Behandlung durch einen Arzt gab es (wie sich herausstellte: vermeintlich) ein Problem. Deshalb sollen Ärzte jetzt die Juden beaufsichtigen!