Gestohlene Kunst in niederländischen Museen
Manfred Gerstenfeld interviewt Rudi Ekkart (direkt vom Autor)
In den späten 1990-er Jahren entwickelte sich ein beträchtliches internationales Interesse zur Frage der Rückerstattung nach dem Krieg. 1997 begann eine von der Regierung finanzierte Vorabuntersuchung zu Kunstobjekten im Besitz des niederländischen Staates, die möglicherweise aus Diebstahl, Beschlagnahmungen oder Zwangsverkäufen durch ihre Eigentümer während des Zweiten Weltkriegs stammten.
1998 begannen niederländische Museen eine ähnliche Untersuchung ihrer Sammlungen. Die Organisation niederländischer Museen (NMV) gründete eine vom Direktor des Rijksmuseum (Nationalmuseum) in Amsterdam, Prof R. de Leeuw geleitete Kommission.
Er sagt: Eineinhalb Jahre lang sammelten die an der Untersuchung beteiligten Museen viele Informationen. Es wurde entdeckt, dass eine Reihe Museen während der deutschen Besatzung Sammlungen und Objekte privater Eigentümer bei sich aufgenommen hatten. Dadurch überlebte ein Teil des jüdischen Kunstbesitzes den Krieg sicher.
Die Untersuchung betraf auch Objekte, die während des Krieges in Verwahrung genommen worden waren und außerhalb des offiziellen Inventars gelagert wurden. Dazu gehörten Stücke, die Juden gehörten, die den Krieg nicht überlebten und die den Museen zur zeitlich beschränkten sicheren Aufbewahrung übergeben worden waren. Sie wurden später oft unrechtmäßig den Sammlungen der Museen hinzugefügt.
In einigen Fällen bestanden Zweifel über die Herkunft der Werke. Das betraf z.B. Käufe der „Liro Robbery Bank“, die beschlagnahmtes jüdisches Eigentum oder Stücke besaßen oder Werke von deutschen oder enteigneten jüdischen Institutionen erworben hatten. Einige Werke waren auch von Kunsthändlern und Auktionshäusern gekauft worden, die dafür bekannt waren oder verdächtig wurden mit von den deutschen Besatzern beschlagnahmte Kunst gehandelt zu haben. Für eine Reihe Werke blieben Ungewissheiten bestehen.
Ich verglich die Ergebnisse dieser Untersuchung mit internationalen Vereinbarungen in diesem Feld – den Washingtoner Prinzipien zur Rückgabe von durch die Nazis konfiszierte Kunst – und stellte mehrere Löcher fest. Darüber hinaus musste auch nach Stücken gesucht werden, die während eines Großteils des Vorkriegs-Jahrzehnts erworben wurden. Ich begann dann für eine tiefer gehende Nachfolge-Untersuchung zu werben. Letztendlich wurde dieses Projekt 2009 im Namen der Organisation Niederländischer Museen begonnen. Es wurde „Museumsankäufe seit 1933“ genannt. Die niederländische Regierung stellte die Gelder dafür zur Verfügung.
Einhundertzweiundsechzig Museen beteiligten sich an diesem Projekt. Bei seinem Ende 2013 waren zwölf Museen nicht fertig, gaben aber an, wann sie es beenden werden. Dazu gehörte das Nationalmuseum in Amsterdam, das eine riesige Anzahl Werke zu untersuchen hat und dies vollständig erledigt. Die Recherche dort wird noch mehrere Jahre weiter gehen müssen.
Der offizielle Bericht der Kommission wird dieses Jahr veröffentlicht. Bisher sind 139 problematische oder möglicherweise problematische Stücke in 42 Museen gefunden worden. Die meisten wurden in der früheren Untersuchung nicht gefunden. Sie können in zwei Kategorien eingeteilt werden. Bei weniger als der Hälfte der Stücke ist klar, dass sie zu zwei Sammlungen oder Handelsinventarien gehörten, die geraubt, beschlagnahmt oder aus Zwangsverkäufen erworben wurden. Manchmal fanden wir heraus, wer die Erben der ursprünglichen Eigentümer waren. Die Museen haben sie über ihre Ergebnisse informiert. In anderen Fällen hoffen wir, dass sich Erben infolge unserer Veröffentlichungen melden werden.
In die zweite Kategorie fallen Kunstwerke, zu denen es ernste Zweifel gibt. Wir wissen nicht, ob sie tatsächlich geraubt, beschlagnahmt oder unter Zwang verkauft worden sind. Dazu gehören zum Beispiel Arbeiten, die Sammler oder Händler mit zweifelhaftem Gebaren während des Zweiten Weltkriegs gehörten, Kunstobjekte, die von den deutschen Besatzern zurückgelassen wurden oder Stücke, die aus konfisziertem Besitz von Nazikollaborateuren stammten.
Diese Untersuchung war ein zusätzlicher wichtiger Schritt bei der Entdeckung gestohlener oder unter Zwang verkaufter Kunstwerke, die ihren rechtmäßigen Eigentümern nicht zurückgegeben worden sind. Es ist jedoch noch nicht alles klar. Mehrere wichtige Dinge müssen noch geklärt werden. Man kann unmöglich wissen, welche Kunstwerke in privater Hand Juden gehörten und nicht zurückgegeben wurden. Gelegentlich hören wir von gestohlener Kunst in Privatbesitz. Das gehört nicht zu meinem Aufgabenbereich, aber wenn ich Kontakt zu einer solchen Person habe, dann sage ich zum Beispiel: „Wenn Sie mit den rechtmäßigen Erben keine Übereinkunft erzielen, dann könnte das Kunstwerk unverkäuflich sein.“ Diese Fälle müssen vertraulich behandelt werden.
Als weitere wichtige Frage, die bleibt, ist die Veröffentlichung einer Gesamtdarstellung im Internet von allem, was über Stücke bekannt ist, die während des Krieges ins Ausland geschickt und von den Alliierten nicht zurückgegeben wurden. Dazu gehören 20.000 Objekte, darunter Hunderte Werke von Museumsqualität. Wo möglich, werden wir auch Bilder dieser Werke auf unserer Internetseite einstellen.
Ekkart schließt: Es wird weitere drei Jahre dauern, bis wir das ganze Projekt abschließen. Ich werde dann zwanzig Jahre lang daran gearbeitet haben. Einige Menschen nennen es mein Lebenswerk.