In Memoriam: Dan Vittorio Segre
Schillernde Persönlichkeiten wie Professor Dan Vittorio Segre, der gerade im Alter von 92 Jahren verstarb, können vielleicht nur aus dem italienischen Judentum und in großen Zeitabständen entstehen. Segre wuchs in einem assimilierten und faschistischen italienischen Umfeld auf, floh aber nach Palästina, als in seinem Geburtsland 1938 rassistische Gesetze erlassen wurden. Er schaffte es fast nicht, da er von seinem Vater im Alter von fünf Jahren beinahe aus Versehen erschossen wurde.
Segre marschierte vom Soldat in der Jüdischen Brigade der britische Armee zum Offizier in den frisch gebackenen Israelischen Verteidigungskräften, wurde Botschafter Israels und wegen seiner Kontakte zu einem russischen Diplomaten des Verrats verdächtigt, was später ausgeräumt wurde. Dann wurde er Akademiker in Oxford und Professor für Politikwissenschaften an der Universität Haifa, in Stanford, am Massachussetts Institute of Technology und der Bocconi-Universität in Mailand. Bereits in fortgeschrittenem Alter gründete er die Abteilung für Mittelmeerstudien an der Universität Lugano in der Schweiz, deren erster Direktor er wurde. Er war Jahrzehnte lang Journalist für große französische und italienische Zeitungen wie Le Figaro, Corriere della Sera und Il Giornale. Alles oben Angeführte repräsentiert nur einen sehr unvollständigen Teil seines Lebenslaufs.
Seine dreiteilige Autobiografie deckt nur einen kleinen Teil dessen ab, was er durchlebte. Der erste Teil – Memoirs of a Fortunate Jew (Memoiren eines Juden, der Glück hatte) – wurde in viele Sprachen übersetzt. Er ist auf schöne Weise geschrieben und steckt voller unfassbarer Geschichten. Ein kleines Beispiel illustriert die Weite seiner persönlichen Reise: Im Zweiten Weltkrieg boten die Briten für das Essen ihrer Jüdischen Brigade, der Segre angehörte, kein Schweinefleisch an. Die jüdischen Soldaten streikten deswegen, da ihnen „gleiche Rechte“ verweigert wurden. Sie forderten Bacon zum Frühstück wie für alle anderen und erhielten ihn. Segre wurde später modern-orthodox und blieb es sein gesamtes Leben lang.
Wann immer Segre an einem Freitagabend in unserem Haus am Tisch saß, waren die übrigen Gäste – ob sie ihn seit Jahren kannten oder gerade erst zum ersten Mal trafen – durch das, was er erzählte, erstaunt und fasziniert. Auf gewisse Weise verkörperte er einen Glücksfall in sich. Segre ermöglichte es anderen in der Tat „zufällig“ überraschende Entdeckungen zu machen. Unter vielem anderen gehörte dazu, dass er mir ganz nebenbei erzählte, dass er der letzte Mensch in Palästina gewesen ist, der mit Enzo Sereni sprach, dem Anführer der palästinensischen Juden, die im Zweiten Weltkrieg hinter den deutschen Linien in den Tod sprangen.
Als er in den letzten Jahren unter gesundheitlichen Problemen litt, berichtete er Geschichten über seine Behandlung durch den französischen Wunderdoktor Cohen, der angeblich viele seiner schmerzhalten Symptome linderte. Trotzdem bedauerte Segre, dass er nicht gesund genug wurde, um wieder reiten zu können. Er war seit seiner Kindheit geritten. Man kann sich kaum vorstellen, dass Segre im vorisraelischen Palästina zusammen mit einem weiteren zukünftigen israelischen Botschafter regelmäßig zum Reiten in die britische Armeebasis in Sarafand ging.
Da er so viele Abenteuer erlebte, kann kein Nachruf mehr als einen kleinen Teil davon beinhalten, weshalb es wahrscheinlich am besten ist einige persönliche Erinnerungen zu berichten. Segre erzählte mir, dass ihm, nachdem die Verrats-Vorwürfe ausgeräumt waren, Premierministerin Golda Meir einen diplomatischen Posten seiner Wahl anbot. Er sagte ihr, er wolle den diplomatischen Dienst verlassen. Mit der Hilfe des international angesehenen Philosophen Josef Agassi, der in Israels Unabhängigkeitskrieg unter seinem Kommando gedient hatte, kam er in St. Anthonys College in Oxford unter. Eine der Lektionen, die Agassi Segre ihm beibrachte, war: Bevor er ein Forschungsprojekt begann, sollte er aufschreiben, was immer er glaubte, das als Ergebnis dabei herauskommen würde. Das würde ihm helfen sich darauf zu konzentrieren, was an Forschung getan werden musste, selbst wenn die Ergebnisse am Ende grundlegend von dem abwichen, was er ursprünglich aufgeschrieben hatte. Später, als ich Zweifel bezüglich der Qualität meiner vorzulegenden Dissertation hatte, stellte Segre mich Agassi vor und sagte: „Wenn du auf seine Kritik antworten kannst, kann niemand deine Dissertation auseinandernehmen.“
Segre und ich waren gemeinsam an der Unterstützung eines ambitionierten Projekts beteiligt, das niemals in Gang kam, wenn auch nicht mangels Anstrengung. Jeder von uns hatte unterschiedliche Kontakte im Top-Management von Silvio Berlusconis Geschäftsinteressen. Eines Tages sagte Segre mir, er sei von einem seiner Kontakte informiert worden, dass die italienische Regierung Berlusconi als zu mächtig betrachtete, da er drei italienische Fernsehsender kontrollierte, so viele wie das öffentlich-rechtliche Sendersystem. Die Regierung wollte Berlusconi einen seiner Sender unter dem Vorwand abnehmen, dass diese nichts als Unterhaltung ausstrahlten. Ich schlug vor, dass Segre und ich Interviews mit den besten Hirnen der Welt in verschiedenen Forschungsfeldern führen und dass diese Interviews spät nachts von Berlusconis Fernsehsendern ausgestrahlt werden sollten. Das hätte einen zweifachen Vorteil gehabt. Mit einem derart prestigeträchtigen Programm hätte niemand mehr behaupten können, in den Sendern gebe es nur Unterhaltung. Zusätzlich würde nicht viel Geld aus der Werbung für ein solches Programm in den späten Abendstunden verloren gehen. Unsere Kontakte mochten den Vorschlag sehr und arrangierten für uns beide ein Treffen mit Berlusconi. Einen Tag vor dem Termin kam die Polizei, um Berlusconi in Ermittlungen zu bedeutenden Korruptionsvorwürfen zu befragen. Unser Treffen wurde abgesagt. Berlusconi entschied sich in die Politik zu gehen, was ihn vor den Beamten des Justizministeriums schützte. Es war sowohl der Anfang von Berlusconis Weg ins Amt des Premierministers Italiens und das Ende unseres Projekts, das umzusetzen extrem interessant gewesen wäre.
1994 interviewte ich Segre für mein Buch Israels New Future über die Post-Oslo-Vereinbarungen. Liest man den Text zwanzig Jahre später wieder, dann zeigt er seine außergewöhnlichen Einblicke. Ein Absatz soll zitiert werden: „Europa scheint einige Aspekte seiner Shylock-Politik nicht aufgegeben zu haben. Es fordert von Israel ein Pfund Fleisch an territorialen Zugeständnissen ohne den Schaden zu berücksichtigen, den das dem gesamten Körper zufügt, was die Verteidigungsfähigkeit Israels betrifft. Nach der jugoslawischen Erfahrung auf einseitigen Zugeständnissen zu bestehen, sollte komisch wirken, wäre es nicht so tragisch.“
In seinen späten Lebensjahren machte Segre so weiter, als hätte er keine gesundheitlichen Probleme. Er verbrachte viel Zeit in seiner neuen Wohnung in Jerusalem. Er brachte eine ausgezeichnete italienische Köchin mit, die ihre großartigen Fähigkeiten bis dahin am Fließband der Autofirma Fiat in Turin verschwendet hatte. Auf seinem Balkon unterhielt Segre seine Freunde mit gutem Essen und Geschichten, als sei er Jahrzehnte jünger.
Trotz all seiner Erfahrungen blieb Segre ein bescheidener Mann. Er sah sich nicht als einen sonderlich guten Akademiker, obwohl einige der Universitäten, an denen er lehrte, zu den renommiertesten der Welt gehören.
Ein Nachruf kann nicht mehr als einen flüchtigen Blick in das faszinierende Leben einer solch einzigartigen Persönlichkeit wie Segre werfen. Möge die Erinnerung an ihn gesegnet sein.