Jüdische Bevölkerung nutzt das Internet mehr als andere Amerikaner
Manfred Gerstenfeld interviewt Ira Sheskin (direkt vom Autor)
Amerikanische Juden nutzen das Internet mehr als andere Amerikaner. Bereits im Jahr 2000 stellte der National Jewish Population Survey fest, dass 40 Prozent der erwachsenen Juden im Jahr davor das Internet für Informationsgewinnung zu jüdischen Themen verwendeten. Das war umso bemerkenswerter, als das Internet erst in den 1990-er Jahren bedeutenderes Gemeingut wurde.
Zu den Gründen des relativ starken jüdischen Gebrauchs des Internets gehört, dass jüdische Haushalte ein Jahresdurchschnittseinkommen haben, das rund 14% höher liegt als das anderer amerikanischer Haushalte. Vielleicht noch wichtiger ist, dass 60% der jüdischen Erwachsenen ab 25 einen Abschluss nach vierjährigem College-Besuch oder einen höheren haben, die übrigen amerikanischen Haushalte nur zu 28%.
Ira Sheskin ist Professor für Geografie und Regionalstudien sowie Direktor des Jewish Demography Project des Sue and Leonard Miller Center for Contemporary Judaic Studies an der University of Miami. Zusammen mit Rabbi Micah Liben hat er einen langen Aufsatz zur Nutzung des Internets durch amerikanische Juden in einem in Kürze erscheinenden Buch1geschrieben.
Sheskin fasst die sich aus den verschiedenen demographischen Studien ergebenden Befunde zusammen: Ein beträchtlicher Prozentsatz der amerikanischen Juden nutzt das Internet zur Gewinnung von Informationen zur jüdischen Geschichte, Feiertagen, religiösen Themen sowie Israel. Eine weitere typische Nutzung ist die Aufrechterhaltung der Verbindung zu ihrer jüdischen Gemeinde, z.B. um Zeit und Ort bestimmter Veranstaltungen zu erfahren. Die Internetnutzung jüdischer Internetseiten ist unter Juden höher, die stärker am traditionellen jüdischen Leben beteiligt sind. Dazu gehören Mitglieder einer Synagoge wie auch Juden, die Israel besuchen oder für jüdische Wohltätigkeit spenden.
Jüdische Organisationen haben ein gemeindliches Interesse daran die eigene Jugend zu bilden und zu Heirat innerhalb der Gemeinschaft zu ermutigen. Demnach ist die jüdische Gemeinschaft besonders daran interessiert Haushalte mit Kindern und Singles zu erreichen. Diese Gruppen haben eine überdurchschnittliche Internetnutzung zu mit dem Judentum verbundenen Informationen. Die Studien stellten außerdem fest, dass beträchtliche Anteile der Singles eine jüdische Internet-Partnervermittlung genutzt haben.
Aus der Perspektive einer jüdischen Gemeinde ist die Investition in Internetseiten wahrscheinlich das beste Mittel, um mit diesen beiden Haushaltstypen zu kommunizieren. Das um so mehr, als Studien zeigen, dass relativ wenige junge Leute regelmäßig eine lokale jüdische Zeitung lesen.
Verschiedene Internetseiten zielen besonders darauf jüdischen Menschen entgegenzukommen und sie sich in der Gemeinde engagieren zu lassen. Nicht alle konzentrieren sich ausschließlich auf Lernen und Fragen der Religion. Jewish Rock Radio (JRR) zum Beispiel startete 2009 eine Internetseite mit dem Auftrag „die jüdische Identität und die Verbindungen zwischen jüdischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu stärken, indem man ein Massenkommunikationsmittel bietet, das die Macht der Musik nutzt um zu inspirieren und zu bilden“.
In der jüdischen Mainstream-Community ist die Nutzung von Handy-Apps und anderen Internetmitteln für eine Reihe jüdischer Bräuche üblich. Einige Juden haben die Einhaltung der religiösen Pflichten infolge der Internetnutzung verstärkt. Eine Person antwortete in einer Umfrage damit, dass sein kürzlich erfolgtes Wachstum im Judentum erfolgte, weil er sich einen iPod Touch zulegte.
Die große Menge an Handy-Apps mit jüdischem Inhalt wird in der Jewish iPhone Community offenkundig, einem Online-Magazin. Diese Seite listet Hunderte verfügbarere Apps mit jüdischem Inhalt auf. Diese können lose in drei Kategorien eingeteilt werden – Informationsquellen, Spiele und Neuheiten. Einige Apps sind eher für Spaß gedacht, als für tatsächlichen rituellen Gebrauch, haben aber immer noch große Bedeutung. Sie erzeugen Begeisterung und sogar Stolz bei jüdischen Usern und dienen als Eingangspunkte für weitergehendes jüdisches Engagement.
Die wichtigste jüdische Nutzung des Internets ist Bildung. Das folgt nicht nur Trends in säkularer Bildung, sondern in einigen Fällen sind jüdische Institutionen richtungweisend gewesen. Fünfundzwanzig Prozent der amerikanischen jüdischen Schulen bieten eine Form von Online-Lernen mit einem Mix aus säkularen und jüdischen Themen. Die Union for Reform Judaism (URJ) hat eine Online-Plattform für das gesamte Netzwerk ihrer hebräischen Schulen entwickelt. Es erlaubt Schülern virtuell miteinander und mit ihren Lehrern zu kommunizieren, mit der eigenen Geschwindigkeit im Klassenraum zu arbeiten und aus der Ferne mit Lehrern außerhalb der Klasse zu interagieren.
Bildungssoftware ermöglicht den Schülern talmudische Texte aufzuschlüsseln. Einige haben webbasierte Versionen für den Schülergebrauch auf iPads oder anderen Tablets entwickelt. In der höheren Bildung ist jüdisches Online-Lernen alltäglich. Über das Lookstein Center in Israel werden jedes Jahr zahlreiche Kurse über das Internet zum Fernstudium angeboten, die im Studium angerechnet werden. Tausende israelische Pädagogen und Studenten haben Online-Kurse über dieses Zentrum abgeschlossen. Im Web selbst sind vielfältige Bildungsressourcen verfügbar.
Es gibt im Internet eine Vielzahl weiterer jüdischer Anwendungen, von denen eine für Forschung zur jüdischen Gemeinschaft selbst genutzt werden kann. Um es zusammenzufassen: Die Zahl der jüdischen Ressourcen im Internet ist praktisch grenzenlos.
Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.
1 Stanley D. Brunn (Hrsg.): The Changing World Religion Map: Sacred Places, Identities, Practices and Politics. Dordrecht (Springer), wird 2013 veröffentlicht.