China, Israel und das jüdische Volk

China, Israel und das jüdische Volk

Manfred Gerstenfeld interviewt Shalom Salomon Wald  (direkt vom Autor)

China ist für Israel und das jüdische Volk weitgehend unbekanntes Terrain. Juden haben seit einem weit in der Vergangenheit in China liegenden Zeitpunkt gelebt und es gibt Belege dafür, dass einige Juden sogar schon vor mehr als tausend Jahren dort lebten oder dorthin reisten. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine jüdische Gemeinde russischer Flüchtlinge in Harbin. Zwanzigtausend europäische Juden fanden kurz vor dem Krieg in Shanghai Zuflucht, als sie aus Deutschland flohen. Nach dem Krieg verließen sie China. Gegenwärtig gibt es tausende jüdische und israelische Geschäftsleute in verschiedenen chinesischen Städten, hauptsächlich in Shanghai und Beijing.

„Bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert waren Juden für China praktisch ein unbeschriebenes Blatt. Es gab keine heiligen Bücher, in denen die Juden wegen der Tötung des Gottessohnes oder wegen der Ablehnung von Allahs Prophet verurteilt wurden. Das chinesische Wort „yutai“ (Jude) hat keinen negativen Beiklang. Neben der hinduistischen Welt ist dies die einzige große Zivilisation, in der das jüdische Volk aus einer neutralen Position heraus starten kann.“

Shalom Salomon Wald
Dr. Shalom Salomon Wald arbeitete von 1964 bis 2001 bei der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Bei seiner Gründung 2002 ging er an das Jewish People Policy Planning Institute (JPPPI) in Jerusalem. 2004 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „China and the Jewish People: Old Civilizations in a New Era“ (China und das jüdische Volk: Alte Zivilisationen in einem neuen Zeitalter).

Wald vermerkt: „Wie können wir wissen, wie ‚der Chinese‘ über Israel und die Juden denkt? Das Land hat 1,4 Milliarden Bürger und bietet zwiespältige Erfahrungen. Eine große Zahl Chinesen weiß, dass es im Nahen Osten einen Staat namens Israel (Islele) gibt. Während der Zweiten Intifada zeigte das von Hunderten Millionen Menschen gesehene Chinesische Zentralfernsehen (CCTV) Israel manchmal auf negative Weise. Im letzten Jahr brachte CCTV jedoch eine ganze Reihe Filme über jüdische Kultur und Geschichte.

Auf kultureller Ebene ist derzeit Amos Oz der in China populärste jüdische bzw. israelische Schriftsteller. Sein Buch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ist zum zweiten Mal auf Chinesisch aufgelegt worden. Das Buch gehört zu einem der zehn am wichtigsten ins Chinesische übersetzten Werke. Dutzende chinesische Zeitungen haben es positiv rezensiert; es heißt, man hätte Dinge über Israel erfahren, die man vorher nicht wusste.

Es gibt chinesische Intellektuelle, die Israel und das jüdische Volk studiert haben, ebenso chinesische politische Entscheidungsträger, die an uns interessiert sind. Für die Chinesen sind Juden und Israel eins. Sie betrachten die Juden als ein altes Volk mit einer langen Geschichte und Israel als sein Zentrum. Oft hört man von Chinesen, dass ihre und die jüdische die ältesten überlebenden Zivilisationen sind. Damit wird Respekt vor dem Fortbestand des jüdischen Volkes zum Ausdruck gebracht.

Die Beziehungen zwischen den Ländern nehmen zu und verbessern sich weiter. Ein Aspekt ist die Kultur. Handel und Investitionen nehmen rasant zu. 2011 wurde Verteidigungsminister Ehud Barak zum Besuch nach China eingeladen, Chinas Generalstabschef besuchte Israel – der erste solche Besuch und der einzige in einem Land des Nahen Ostens. Hartnäckige Gerüchte besagen, dass Preminister Netanyahu auch zu einem Besuch Chinas eingeladen worden ist.

Ich würde zu sagen wagen, dass ein beträchtlicher Teil der chinesischen und politischen Eliten Chinas oberflächlich positive Gefühle bezüglich des jüdischen Volkes und Israels haben. Das könnte sich ändern. Die ölreichen Nahost-Ländern haben riesige Summen, die sie in China ausgeben können. Die arabische Welt kennen weit mehr Chinesen als Israel.

Diejenigen, die in zwanzig Jahren China regieren werden, studieren heute an den Elite-Universitäten. Wenn jemand sie über Judentum und Israel lehrt, wird das gut für das jüdische Volk sein. Irgendwann werden einige dieser Studenten, wenn sie in wichtigen Positionen sind, wahrscheinlich die Führer ihres Landes zu jüdischen und Nahostfragen beraten.

Die Stabilität im Nahen Osten und Israels Rolle gewinnen dabei für China zunehmend an Bedeutung. Zum ersten Mal in der Geschichte wird China das Schicksal der Juden und besonders Israels direkt beeinflussen. Da dieser Einfluss sehr rasch wachsen wird, ist es wichtig dafür zu sorgen, dass Chinas Haltung gegenüber Israel eine gut informierte und positive bleibt.

Israel und das jüdische Volk sollten Brücken der Freundschaft zu China bauen und ein strategisches Konzept dazu entwickeln, wie unsere Verbindungen gestärkt werden können. Ein paar israelische NGOs sind in diesem Bereich aktiv. SIGNAL zum Beispiel organisiert akademische und andere Austausch-Besuche und hilft bei der Finanzierung von Israel-Studienzentren an chinesischen Universitäten. Das jüdische Volk wird von der Tatsache behindert, dass es keine kohärente Einheit ist. Wichtige jüdische Organisationen sollten aber versuchen eine koordinierte Politik gegenüber China zu entwickeln und Israel sollte solche Bemühungen fördern und mit ihnen zusammenarbeiten.

 

Comments are closed.