Die Psyche von Juden, die den Feind mit offenen Armen begrüßen

Die Psyche von Juden, die den Feind mit offenen Armen begrüßen

Manfred Gerstenfeld interviewt Kenneth Levin (direkt vom Autor)

Eine Reihe Juden und Israelis begrüßen Kritik, die von Antisemiten und extrem antiisraelisch eingestellten Menschen kommt. Sie haben viele Vorgänger in der sehr langen Geschichte der jüdischen Diaspora.

Dieses Phänomen offenbart auf der Ebene der menschlichen Psychologie große Ähnlichkeit zur Reaktion von Kindern, die chronischem Missbrauch ausgesetzt sind. Solche Kinder tendieren dazu sich selbst für ihr Leid verantwortlich zu machen. In ihrem Zustand der Machtlosigkeit haben sie zwei Alternativen. Sie können entweder zugeben, dass sie unfair zu Opfern gemacht werden und sich damit abfinden machtlos zu sein oder sie können sich selbst die Schuld für ihre schlimme Lage geben. Letzteres – „Ich leide, weil ich schlecht bin.“ – ist so attraktiv, weil es neben dem Wunsch die Kontrolle zu haben die Fantasie bedient, „gut“ zu werden würde eine liebevolle Reaktion ihrer Peiniger auslösen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene streben ausnahmslos danach der Hoffnungslosigkeit zu entrinnen.“

Kenneth Levin ist Psychiater, Historiker und Autor mehrere Bücher, darunter „The Oslo Syndrome: Delusions of a People under Siege“. (Das Oslo-Syndrom: Selbsttäuschung eines Volks unter Belagerung)1 Er ist klinischer Ausbilder für Psychiatrie an der Harvard Medical School.

In The Oslo Syndrom erklärt Levin die Einstellung der israelischen Selbsthasser: [Es besteht] „der Wunsch zu glauben, dass Israel die Kontrolle über die ungemein stressigen Umstände hat, über die es unglücklicherweise keine wirkliche Kontrolle hat. Wirklicher Frieden wird im Nahen Osten eintreten, wenn die arabische Welt – die mit Abstand dominante Seite in der Region – solch einen Frieden als in ihrem Interesse wahrnimmt. Israelische Politik hat in der Tat sehr wenig Einfluss auf die arabische Wahrnehmung hierzu, weit weniger als die innenpolitische Dynamik in den arabischen Staaten und die interarabischen Rivalitäten.“

Dem fügt Levin hinzu: „Der gängige Hass auf Israel, angefacht von arabischen Regierungen, Bildungssystemen, Medien und muslimischen Klerikern, ist  tief in der arabischen Meinung verwurzelt. Das ist kein völlig isoliertes Phänomen, sondern pass in einen weit größeren Rahmen. Seit den frühesten Tagen des Bestehens der arabisch-muslimischen Welt hat es weit verbreitete Animosität sowohl gegen religiöse wie auch ethnische Minderheiten in der Region gegeben. Es wäre ein Fehler, den Druck z.B. auf christliche Minderheiten ausschließlich dem Aufstieg des islamischen Fundamentalismus zuzuschreiben. Die gängige muslimisch-arabische Feindseligkeit hat auch zu Druck auf nicht arabische Muslime wie die Berber in Nordafrika geführt.

Die Juden und Israelis, die antijüdische Argumente begrüßen, tun das zwar typischerweise in der Hoffnung sich bei den Feinden der Juden zu integrieren. Dieser Beweggrund wird aber nur selten zugeben. Stattdessen behaupten sie typischerweise, dass ihre Haltung eine moralisch oder ethisch höher stehende Position spiegelt.

In der Vergangenheit und der Gegenwart ist eine üblicherweise erhobene Behauptung der Antisemiten gewesen, Juden seien ausschließlich an ihrem eigenen Wohlergehen interessiert. Das hat viele Juden dazu gebracht ihre Energien auf breitere soziale Fragen zu konzentrieren, selbst während die jüdische Gemeinschaft unter einzigartigen Behinderungen litt. Juden, die diesen Kurs einschlagen, geben typischerweise nicht zu, dass sie das tun, damit ihnen keine Beschränkung auf jüdische Interessen vorgeworfen wird. Stattdessen beanspruchen sie, eng gefasst Bedenken gerechterweise zu überschreiten, um universellere Bedürfnisse zu thematisieren.

Während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere nach der Aufdeckung des Vernichtungsprogramms der Nazis Ende 1942, bemühten sich viele jüdische Führungspersönlichkeiten die Wahrnehmung der Öffentlichkeit auf die Notlage der europäischen Juden zu richten und für Rettungsversuche zu werben. Sie schränkten ihre Kampagne aber auch ein, weil sie befürchteten öffentliche Wut wegen jüdischem Interesse an einer jüdische Frage zu erwecken; und sie begründeten ihr Tun für sich als die Reflexion der Hingabe an die größere patriotische Aufgabe den Krieg zu gewinnen. Es waren größtenteils nichtjüdische Stimmen, die darauf bestanden, dass das Vernichtungsprogramm der Nazis nicht nur ein Verbrechen an den Juden, sondern ein Verbrechen gegen die Zivilisation und die gesamten Menschheit und daher für alle von Bedeutung war.“

Levin stellt fest: In den vergangenen sechzig Jahren hat sich die amerikanische jüdische Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit tatkräftig die Unterstützung Israels zu eigen gemacht. Das war viel einfacher durch die Tatsache, dass die breitere amerikanische Öffentlichkeit traditionell Israel gegenüber wohlwollend eingestellt war.

Andererseits ist Israel in gewissen amerikanischen Medien, an vielen Universitäten und in mehreren liberalen Mainstream-Kirchen hart kritisiert worden. Diejenigen Teile der jüdischen Gemeinschaft, die in einer Israel gegenüber feindselig eingestellten Umgebung leben, machen sich allgemein die antiisraelische Einseitigkeit um sich herum zu eigen. Und oft sie bestehen darauf, dass sie damit rechtschaffen sind.

Die psychologische Dynamic von angegriffenen Gemeinschaften erklärt, warum – sowohl im Ausland, als auch in Israel – die virtuelle Belagerung, unter die der jüdische Staat gesetzt wird, Teile der jüdischen Gemeinden weiter dazu führen wird die Belagerer zu unterstützen und jüdische Selbstreform als Weg zum Erzielen von Entlastung anzustreben. Doch der von ihnen vertretene Weg ist nicht weniger selbsttäuschend als der der missbrauchten Kinder, die sich selbst für den Missbrauch verantwortlich machen, den sie erleben. Allzu oft verdammen sich diese Kinder psychologisch zu einem Leben in Selbstverleugnung und Leid. Im Fall der Juden, die Israel für den gegen das Land gerichteten Hass anklagen, geht das von ihnen kultivierte Leid weit über sie selbst hinaus und untergräbt letztlich Israels Überleben.

 

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