Mit Holocaust-Filmen Geschichte schreiben

Mit Holocaust-Filmen Geschichte schreiben

Manfred Gerstenfeld interviewt Willy Lindwer (direkt vom Autor)

Der Dokumentarfilmer Willy Lindwer wurde 1946 in Amsterdam geboren. Er lebt heute in Jerusalem. Für seinen weithin gezeigten Film „The Last Seven Months of Anne Frank“ (Die letzten sieben Monate der Anne Frank) erhielt er 1988 den internationalen Emmy – die höchste Auszeichnung für Filmemacher. 2010 wurde Lindwer von der niederländischen Königin in den Ritterstand erhoben.

„Als ich 1969 an der Niederländischen Filmakademie studierte, machte ich eine zweiteilige Dokumentation über die Rolle der niederländischen Polizei während der deutschen Besatzung. Das war in den 1960-er Jahren recht schockierend, die meisten Polizeichefs hatten selbst eine dubiose Vergangenheit im Krieg. Die niederländischen Behörden behielten sie ohne große Untersuchung im Polizeidienst.

Im Zweiten Weltkrieg gab es in der niederländischen Polizei viele Kollaborateure. Nach dem Krieg mussten die Niederlande saubere Hände vorweisen und ihre Vergangenheit überprüfen. Einige zu langen Gefängnisstrafen verurteilte Polizisten wurden ein paar Jahre später frei gelassen. Andere gingen nach Indonesien, das damals noch eine niederländische Kolonie war. Als sie in die Niederlande zurückkehrten, setzten sie ihre Polizeikarriere einfach fort.

Damals wollten die Niederländischen Fernsehsender meinen Film nicht zeigen. Der Direktor der Filmakademie sagte mir, dass die Medien die Rolle der niederländischen Polizei während des Krieges immer noch als Tabu betrachteten. Erst in den 1980-ern kam plötzlich Interesse an dieser Dokumentation auf.

1986 verließ ich das öffentlich-rechtliche niederländische Fernsehen und wurde ein unabhängiger Produzent.

Ich war nun in der Lage Filme zu Fragen zu produzieren, die mich persönlich berührten. Der erste war eine Biografie Marek Edelmans, des einzigen damals noch lebenden Anführers der jüdischen Widerstands im Warschauer Ghetto. Er wurde ein sehr bekannter Kardiologe in Lodz.

Meine nächste Geschichte war Anne Franks Leben in den Konzentrationslagern. Anne war wegen ihres Tagebuchs in der Zeit, in der sie versteckt lebte, weithin bekannt. Doch den letzten Monaten ihres Lebens in Auschwitz und Bergen-Belsen wurde keine Aufmerksamkeit geschenkt. Als Vorbereitung des Films besuchte ich Hans Westra, damals Direktor der Anne Frank-Stiftung. Er lehnte eine Zusammenarbeit mit mir ab, weil – so behauptete er – das KZ die Aufmerksamkeit von Annes Geschichte im Versteck abziehen würde. Er sagte: ‚Ein Symbol sollte in einem Film nicht sterben!‘

Zum Glück saß ich auf einem Stuhl, andernfalls wäre ich in Ohnmacht gefallen. Ich antwortete: ‚Ich werde diese Dokumentation ohne Ihre Beteiligung machen.‘ In meinem Film wird das Anne Frank-Haus weder gezeigt noch erwähnt. Später, in anderen Zusammenhängen, kam ein großer Streit auf, weil die Tatsache, dass Anne Frank Jüdin war, nicht in die Agenda der Stiftung zu passen schien. Dort gab man der Konzentration auf Diskriminierung allgemein und nicht besonders gegenüber Juden den Vorzug. Wegen der Entjudaisierungs-Versuche der Stiftung wurden mehrere pro-jüdische Mitarbeiter entlassen.

Ich habe 22 Filme über den Holocaust gemacht; die meisten davon haben die Niederlande zum Gegenstand. Einer war über das niederländische Übergangslager Westerbork. Von dort fuhren die Züge mit Juden in die Vernichtungs- und Konzentrationslager in Polen. Ein weiterer Film beschäftigte sich mit der Art, wie der Judenrat in Amsterdam arbeitete und mit den unmöglichen Entscheidungen, die er zu treffen hatte.

2000 machte ich einen Zweiteiler mit dem Titel ‚Sie taten ihre Pflicht‘. Das war eine Reihe von Gesprächen mit Niederländern, die eine Rolle im Deportationsprozess spielten. In dem Film waren Menschen zu sehen, die ein ‚J‘ in niederländisch-jüdische Personalausweise stempelten, Polizisten, die Juden verhafteten, Wachen in Westerbork und Eisenbahnpersonal, das Juden transportierte.

Der Höhepunkt meiner Arbeit zu den Niederlanden war der Zweiteiler ‚Goodbye Holland‘ (2004). Er porträtiert die unterschiedlichen Einstellungen von Niederländern im Zweiten Weltkrieg. Der Film erzählt auch die Geschichte der Mitglieder meiner eigenen Familie. Einige wurden von Niederländern verraten, von Niederländern verhaftet, in Westerbork von Niederländer bewacht und von niederländischen Zugbegleitern in Zügen auf die erste Etappe in ihren Tod in Polen geschickt. In dem Film tauchen keine Deutschen auf.

Ich habe auch mehrere Filme über den Krieg außerhalb der Niederlande gemacht. Einer ist eine Dokumentation aus dem Jahr 1992 über die Wannsee-Konferenz fünfzig Jahre danach. Am 20. Januar 1942 diskutierten deutsche Schlüsselpersönlichkeiten darüber, wie die Vernichtung der Juden durchgeführt werden kann. Ein weiterer Film aus dem Jahr 1994 ist eine Biographie Simon Wiesenthals, des österreichisch-jüdischen Nazijägers.

Ein weiterer wichtiger Film ist ‚Messengers without an Audience‘ (Boten ohne Zuhörer); er zeigte, dass einige Menschen wie Jan Karski versuchten den Westen und besonders Präsident Roosevelt und den britischen Premierminister Churchill über die Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern zu informieren. Diese Politiker hörten zu, unternahmen aber nichts.“

Lindwer hat auch Dokumentationen gemacht, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. Zu diesen gehören Filme über den ehemaligen Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kollek (1993), den ehemaligen Premierminister Yitzchak Rabin (1998) und den derzeitigen Präsidenten Israels, Shimon Peres (2008).

Lindwer schließt: „In den Niederlanden sind die meisten Reaktionen auf meine Dokumentationen positiv. Im Verlauf der Jahre habe ich festgestellt, dass viele Niederländer meine Filme gesehen haben. Mein Beitrag zur Aufzeichnung der niederländischen Geschichte hat hauptsächlich in Filmen über den Zweiten Weltkrieg seinen Ausdruck gefunden.

 

Comments are closed.