Polnische Einstellungen zur Zukunft der Juden während des Zweiten Weltkriegs

Polnische Einstellungen zur Zukunft der Juden während des Zweiten Weltkriegs

Manfred Gerstenfeld interviewt David Bankier (direkt vom Autor)

„Bereits 1941 und 1942 erstellten die Alliierten vorbereitende Pläne zur Organisation Europas nach Hitler. Doch die jüdische Frage spielte bei diesen frühen amerikanischen, britischen und russischen Projekten für die Zukunft keine Rolle. Auch sind keinerlei signifikante Hinweise zur Zukunft der Juden in den Diskussionen der Exilregierungen zu finden, weder in London noch sonst irgendwo. Es gab keine konkreten Pläne, sondern höchstens ein paar vage Äußerungen.“

David Bankier
David Bankier (1947 – 2010) war Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität. Bis zu seinem Tod war er außerdem der Direktor des Internationalen Instituts für Holocaust-Forschung in Yad Vashem. Seine Forschungsarbeiten konzentrierten sich auf die öffentliche Meinung in Deutschland, Nazi-Politik und die Exilanten.

Bankier sagte: „Die Haltung der polnischen Führer ist besonders entlarvend, denn vor dem Krieg lebten dort dreieinhalb Millionen Juden, stellten also rund zehn Prozent der Bevölkerung. Die meisten polnischen Untergrundorganisationen glaubten, dass ein Polen nach Hitler ein Land ohne Juden sein würde. Sie wussten, dass die Mehrheit des polnischen Judentums ausgelöscht wurde.1

Diejenigen, die blieben, würden Polen nach dem Krieg verlassen müssen. Diese Ansicht kam selbst in der Organisation Zegota zum Ausdruck, dem vom polnischen Widerstand gegründeten Rat für Hilfe für die Juden. Diesem gehörten Personen an, die ihr Leben in Gefahr brachten; besonders bemerkenswert war Zofia Kossak-Szczucka, strenggläubige Katholikin, berühmte Schriftstellerin und eine der Gründerinnen der Zegota. Ihr Glaube, dass Polen kein Land war, in dem Juden leben sollten, ist höchst indikativ dafür, wie die wahren polnischen Gefühle damals aussahen.

In einem Artikel mit dem Titel ‚Wem helfen wir?‘, geschrieben im August 1943, skizzierte Kossak-Szczucka, wie die polnische Haltung gegenüber den Juden nach dem Krieg aussehen sollte: ‚Heute sehen sich die Juden der Ausrottung gegenüber. Sie sind die Opfer ungerechter, mörderischer Verfolgung. Ich muss sie retten. Handle an anderen so, wie du möchtest, dass sie an dir handeln. Dieses Gebot verlangt, dass ich alle mir zur Verfügung stehenden Mittel einsetze um andere zu retten, dieselben Mittel, die ich für meine eigene Rettung einsetzen würde. Selbstverständlich wird die Situation nach dem Krieg eine andere sein. Für den Juden werden dieselben Gesetze gelten wie für mich. Und an diesem Punkt werde ich dem Juden sagen: Ich habe dich gerettet, dir Schutz gegeben, als du verfolgt wurdest. Um dich am Leben zu erhalten, habe ich mein eigenes Leben und das Leben derer riskiert, die mir lieb waren. Jetzt bist du durch nichts mehr bedroht. Du hast deine eigenen Freunde und es geht dir in mancher Hinsicht besser als mir. Jetzt fordere ich, dass du gehst und sich irgendwo anders niederlässt. Ich wünsche dir Glück und werde dir gerne helfen. Ich werde dich nicht verletzen, aber in meinem Haus will ich alleine leben. Das ist mein Recht.‘

Die Juden galten nicht als Teil der Gefüges der polnischen Gesellschaft. Ihre Vorfahren mochten seit 900 oder gar 1.000 Jahren dort gelebt haben, doch weil sie nicht der nationalen Mehrheit angehörten, blieben sie Fremde. Die meisten Menschen betrachteten die Katastrophe, die über die polnischen Juden hereinbrach, nicht als Tragödie der polnischen Nation. Bestenfalls betrachteten sie zwei nebeneinander ablaufende Desaster, die von den Deutschen verursacht wurden. Eines traf die polnische Nation, das andere die Juden.

Mit Ausnahme einiger sozialistischer und kommunistischer Untergrundbewegungen verbanden sie diese beiden Tragödien nicht, indem sie sagten, das Leiden der Juden war Teil des Leidens der Polen. Wer zur politischen Mitte oder Rechten gehörte, betrachtete die Juden nicht als Mitbürger. Ihre Not konnte damit kein polnisches Leid sein. Dass die Vorfahren der Juden derart lange in Polen lebten, die polnische Staatsbürgerschaft und polnische Reisepässe hatten, war eine Formalität ohne weitere Folgen oder Rechte.

Wenn sie Äußerungen zur jüdischen Frage abgab, dann unterlag die polnische Regierung im Londoner Exil Zwängen. Ihre Erklärungen wurden von den Briten, den Amerikanern und jüdischen Organisationen gehört und daher musste sie vorsichtig sein. Deshalb erklärte sie nach dem Krieg gewöhnlich, dass alle überlebenden Juden zurückkehren und ihre Rechte erneuert würden.

Sie mussten das sagen, trotz der Tatsache, dass viele polnische Führungspersönlichkeiten im Exil langjährige Antisemiten waren. Die Mehrheit im Nationalrat der polnischen Republik in London waren polnische Nationalisten, die die Juden nicht als integralen Teil der polnischen Nation betrachteten, trotz der jüdischen Repräsentanten im Nationalrat: Ignacy Schwarzbart für die Zionisten und Artur Zygelbojm für die Bundisten. In der polnischen Armee im Westen gab es ebenfalls beträchtlichen Antisemitismus, was dazu führte, dass einige Juden aus ihren Einheiten in Schottland desertierten. Mehrere jüdische Organisationen protestierten bei der Exilregierung gegen diesen Antisemitismus.

Bei diesen, vom polnischen Untergrund ausgehenden antijüdischen Botschaften spielten wirtschaftliche Fragen eine wichtige Rolle. Das wurde noch klarer, als die Juden nach dem Krieg zurückkamen und in ihre Häuser und auf ihre Bauernhöfe zurückkehren wollten. Viele Juden waren dann seitens der Polen gewalttätigen Angriffen ausgesetzt oder wurden ermordet.“

Dies ist eine gekürzte Version eines Interviews mit Prof. Bankier, das Manfred Gerstenfeld in seinem Buch „Europe‘s Crumblings Myths; The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism“ (Europas veröffentlichte. Das Buch kann kostenfrei beim Institute for Global Jewish Affairs heruntergeladen werden.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des Jerusalem Center of Public Affairs.

1 Die Einstellungen der Polen gegenüber den Juden währen des Krieges sind zum Beispiel in einer Doktorarbeit von Joanna Michlic und in Artikeln von Andrej Friszke und Szymon Rudnicki ausführlich erforscht worden.

 

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