Überlappende Kernthemen des klassischen Antisemitismus und des Antiisraelismus

Überlappende Kernthemen des klassischen Antisemitismus und des Antiisraelismus

Das klassische Kernthema des Antisemitismus lautet: Juden verkörpern das absolut Böse. Diese Idee erscheint in den drei Haupttypen des Antisemitismus: dem religiösen, dem nationalistisch-ethnischen und dem antiisraelischen. Die dämonische Behauptung, dass Juden das absolut Böse sind, ist über viele Jahrhunderte intensiv verbreitet worden. Diese unfassbare Lüge und ihre dem im Wesentlichen unterliegenden Leitgedanken sind im Verlauf der Zeiten weitgehend dieselben geblieben. Die aktuellen Darstellungen dieser Themen sind jedoch nach der vorherrschenden Weltsicht zu einer gegebenen Zeit unterschiedlich gewesen.

Die Auffassung dessen, was das absolut Böse darstellt, hat sich im Verlauf der Jahrhunderte verändert. Im christlichen Antisemitismus war die bösartigste vorstellbare Handlung der Gottesmord. Die Juden wurden beschuldigt Jesus getötet zu haben, von dem viele Christen glauben, dass er Gottes Sohn ist.

Als das Christentum die öffentliche Meinung beherrschte, wurde der Jude oft als Gottesmörder, Antichrist oder Satan präsentiert. Joshua Trachtenberg fasst zusammen, wie das mittelalterliche Christentum den Juden sah: als „Hexer, Mörder, Kannibalen, Giftmischer, Gotteslästerer“.1 Die Dämonisierung der Juden durch wichtige christliche Leitfiguren wie den Kirchenvater Johannes Chrysostomos war bereits seit dem vierten Jahrhundert voll im Gang.2

In der zweiten wichtigen Kategorie, dem ethnisch-nationalistischen Antisemitismus, tauchte das Thema des Juden als Paradigma des absolut Bösen in neuen Gestalten wieder auf. In Zeiten starken Nationalsozialismus wurden Juden als radikal fremde Elemente dargestellt und als der „vollkommen Andere“ denunziert. Wenn die gesellschaftliche Betonung auf der Rasse liegt, werden Juden als eine extrem unterlegene solche dargestellt.

Als die Gesellschaften säkularer wurden, bekamen die falschen Anschuldigungen Gottes Sohn getötet zu haben für viele Europäer weniger Bedeutung und die Darstellung des Kernmotivs, dass Juden die Träger allen Bösen sind, wurde neu erfunden. Die Nazis nahmen sich selbst als Übermenschen und die Juden als Untermenschen wahr, womit sie sie zur Wurzel moralischer und sozialer Verderbtheit machten; damit repräsentierten sie das absolut Böse. Juden wurden unter anderem als Bakterien oder Ungeziefer gebrandmarkt, was implizierte, dass sie ausgerottet werden mussten.

In einem Umfeld, in dem Nationalismus zunehmend ein vorrangiger gesellschaftlicher Wert wurde, beschuldigte man die Juden auch Kosmopoliten ohne nationale Loyalität zu sein. Das unterstellte, dass sie üble Individuen seien, die gegen die Interessen der Länder handelten, in denen sie lebten. Es führte zudem zu der Anschuldigung, die Juden konspirierten zur Kontrolle der Welt. Das „Dokument“, das diese Verschwörungstheorie hauptsächlich unterstützte, waren Die Protokolle der Weisen von Zion, eine zaristische Fälschung, die wiederholt in großer Zahl aufgelegt wurde.3

In der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft wird das absolut Böse oft als die Verbrechen der Deutschen und ihrer Verbündeten während des Zweiten Weltkriegs wahrgenommen. Der Holocaust und Völkermord sind das Paradigma des Bösen geworden. Nach dem Krieg wurde der Antisemitismus für eine gewisse Zeit in der allgemeinen Öffentlichkeit politisch inkorrekt. Viele Europäer begannen zu begreifen, dass, wenn es in der Welt absolut Böses gibt, es von beträchtlichen Teilen Europas repräsentiert wurde statt durch die Juden. Vielen anderen war es jedoch zu schmerzhaft, das zuzugeben. Es schuf die psychologische Notwendigkeit das Böse einmal mehr den Juden anzuhängen, diesmal hauptsächlich Israel, dem jüdischen Staat.

Die Darstellung der Israelis als Nazis geht bis auf einflussreiche Engländer im britischen Mandat Palästina der 1940-er Jahre zurück. Der Vergleich Israels mit den Nazis war auch in der kommunistischen Welt stark entwickelt. Simon Wiesenthal schrieb 1968, dass insbesondere Ostdeutschlands Nachrichtenwesen weit antiisraelischer war als das anderer kommunistischer Staaten.4

Das gegen Juden gerichtete Verschwörungsmotiv kehrt bis heute oft wieder. Es gibt z.B. solche Fälle in arabischen Fernsehsendungen, ein Kommunikationsmodus, der weit effektiver und umfassender ist als Bücher oder Druckmedien. Die gelogenenProtokolle der Weisen von Zion sind in der arabischen Welt mit weiter Verbreitung neu aufgelegt worden. Sie wurden während der letzten Jahrzehnte auch in verschiedenen westlichen Ländern veröffentlicht, so z.B. in Norwegen.5

Das Motiv der Verschwörung wurde im Report of the British All-Party Parliamentary Inquiry into Anti-Semitism (Bericht der parlamentarischen Allparteien-Untersuchung zu Antisemitismus) erwähnt, in der es hieß: „Uns wurde gesagt, dass jüdische Verschwörungstheorien bei vielen zeitgenössischen Themen bemüht wurden.“6

Die Wahrheit zu zeitgenössischen Verschwörungen ist heute eigentlich sehr anders, nachdem der Nationalsozialismus und der Kommunismus weitgehend fehlgeschlagen sind. Die jihadische Strömung des Islam ist die einzige große Bewegung, die aktiv konspiriert die Welt zu beherrschen.

Ein weiterer zeitgenössischer Ausdruck des Antisemitismus, dass die Juden – wozu heute Israel gehört – das „absolut Böse“ verkörpern, besteht in der Behauptung, die Juden steckten hinter allen Katastrophen. Dieses Motiv kehrt auf vielerlei Weise implizit oder explizit wieder, so in der Behauptung, der palästinensisch-israelischer Konflikt sei die größte Gefahr für die Welt.

Die drei Umsetzungen des Antisemitismus – der religiöse, der ethnisch-nationalistische Antisemitismus sowie der Antiiraelismus – haben allesamt eine Reihe wichtiger gleicher Merkmale. Es gibt eine kontinuierliche und mächtige Förderung eines Diskurses des Judenhasses. Verbale oder physische Angriffe Juden wie Israelis gegenüber sind alltäglich. Juden und der Staat Israel werden über einzigartiges und unrealistisches zweierlei Maß beurteilt.

Die Dämonisierung und ihre verschiedenen Verkleidungen durchdringen schrittweise das Narrativ der Gesellschaft. Mit der Zeit werden die Anschuldigungen zunehmend komplex und sind schwieriger aufzudröseln. Die Feinde der Juden bauen weiter auf dieser Infrastruktur auf, wann immer die Umstände geeignet sind, wenn sie eine bestimmte Person oder Gruppe angreifen wollen oder wenn sie nach einem Sündenbock für irgendeine gegebene Situation suchen.

Das Kernmotiv dafür, dass Juden und Israel das für die Katastrophen der Welt verantwortliche Böse sein sollen, hat eine lange Tradition. Die Juden wurden für die Übertragung verschiedener Seuchen wie dem Schwarzen Tod im vierzehnten Jahrhundert verantwortlich gemacht. Deutsche erfanden die Dolchstoß-Legende, die die Juden für Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg verantwortlich machte. Das wurde in der Folge von den Nationalsozialisten in ihren mörderischen antisemitischen Kampagnen genutzt.

Wenn verschwundene christliche Kinder schließlich tot aufgefunden wurden, beschuldigte man manchmal Juden sie ermordet zu haben. Das wurde oft religiösen Motiven zugeschrieben. Seit dem 12. Jahrhundert wurde die Ritualmordlüge zum klassischen antisemitischen Thema. Heutzutage taucht die Ritualmordlüge mit Bezug auf Israel in verschiedenen Mutationen wieder auf.

Nach einem immensen Bergbau-Unglück in der Türkei im Mai 2014 kritisierte die türkische Pro-Regierungszeitung Yeni Akit auf ihrer Titelseite die Eigentümer der Minengesellschaft Soma-Kohle einen jüdischen Schwiegersohn zu haben. Die Zeitung behauptete, dass dieser der Grund war, dass „ausländische“ Medien den damaligen türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan für die Tragödie verantwortlich machten.7

Heute fördern starke ideologische Strömungen den Universalismus, also wird der Staat Israel als nationalistisch, rassistisch und kolonialistisch dämonisiert. Und das zusätzlich zur beherrschenden Anschuldigung, dass Israel Völkermord begehe oder sich wie die Nazis verhalte. Das ist zu einer weit verbreiteten Wahrnehmung Israels in Westeuropa geworden.

Allerlei nummerische Daten bieten Belege dafür, wie sehr der Hass auf Israel und die Juden vorherrscht. Ein Teil dieser Daten stammt aus einer Studie, die 2011 von der Universität Bielefeld8 veröffentlicht und in sieben europäischen Ländern durchgeführt wurde. Im Herbst 2008 befragten die Forscher in jedem der Länder eintausend Personen im Alter von 16 Jahren aufwärts. Eine der gestellten Fragen war, ob die Befragten mit der – grob unmoralischen – Behauptung überein stimmten, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt. Mehr als 40 Prozent der Befragten antworteten mit Ja. Damit akzeptieren mindestens 150 Millionen Bürger der Europäischen Union eine dämonische Sichtweise Israels.

 

1 Joshua Trachtenberg: The Devil and the Jews. Cleveland (Meridian) 1961, S. 159.
2 Manfred Gerstenfeld interviewt Pieter van der Horst. In: The Origins of Christian Anti-Semitism. Post Holocaust and Anti-Semitism 81, 5. Mai 2009.
3 Hadassa Ben-Itto: The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elders of Zion. Edgware (Vallentine Mitchell) 2005.
4 J. H. Brinks: Political Anti-Fascism in the German Democratic Republic. Journal of Contemporary History, Bd. 32, Nr. 2 (1997), S. 207-17.
5 Erez Uriely: Jew-Hatred in Contemporary Norwegian Caricatures. In: Post-Holocaust and Anti-Semitism 50, 1. November 2006.
6 Report of the British All-Party Parliamentary Inquiry into Anti-Semitism. London (Stationery office Ltd.), September 2006, Abs. 96.
7 ADL Expresses Concern Over Conspiracy Theories About Jews Made by Turkish Politicians and Media in Reference to Mining Accident. ADL, 22. Mai 2014.
8 library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

 

 

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