Während des Holocaust verfolgten norwegische Nazi-Kollaborateure Juden

Während des Holocaust verfolgten norwegische Nazi-Kollaborateure Juden

Manfred Gerstenfeld interviewt Eirik Veum (direkt vom Autor)

Meine drei Bücher über norwegische Kollaboration mit den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs ergaben neue Informationen dazu, wie Norweger an der Verfolgung von Juden beteiligt waren. Norweger und Norwegerinnen gehörten verschiedenen deutschen SS- und Armeeeinheiten an. Von rund 5.500 norwegischen Freiwilligen wurden 852 getötet.

Im 2009 veröffentlichten The Fallen enthülle ich Namen, ihr Alter und wo diese Getöteten fielen. Einige Norweger in deutschen Einheiten der Waffen-SS und später in Sonderkommandos in Osteuropa sahen auch zu, wie Ukrainer und Deutsche Juden töteten. Norweger waren außerdem an der Suche nach Juden beteiligt. Ich entdeckte einen Fall, bei dem Norweger einen Juden in einem Haus fanden und ihn auf die Straße brachten. Danach wurde er erschossen, wir wissen aber nicht von wem. Infolge meines Buches wird Dr. Efraim Zuroff, der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Israel, versuchen zu ermitteln, ob Norweger auch direkt an Morden beteiligt waren.

Eirik Veum ist norwegischer Journalist, der für die Norwegische Rundfunkanstalt NRK arbeitet.

Dieses Buch und die beiden nächsten verkauften sich gut. Die Reaktionen waren allerdings gemischt. Mehrere Historiker behaupteten, mit meinen Themen sollten sich Historiker beschäftigen und nicht ein Journalist. Man fragt sich dann, warum kein Historiker in fast siebzig Jahren dieses Thema je erforschte. Einige Familienmitglieder der norwegischen Freiwilligen hatten kein Problem mit der Tatsache, dass ich die Namen ihrer Verwandten offenlegte. Sie glaubten, dass die Wahrheit öffentlich werden sollte, selbst wenn es brutal war. Sie hatten das Gefühl, dass Menschen für ihr Tun allein verantwortlich sind. Andere sagten, wir hätten ihre Familien entehrt, indem wir Verwandte namentlich identifizierten. Wieder andere erklärten, norwegische Kollaborateure mit den Nazis hätten den Namen ihrer Familie entehrt. Diese Debatte war intensiv und ihr Muster kehrte wieder, als meine beiden folgende Büchern veröffentlicht wurden. Es ist interessant festzustellen, dass mehr Energie der Diskussion des Themas der Identifizierung dieser Leute gewidmet wurde als ihren Taten.

Im Oktober 2013 gab ein 91-jähriger norwegischer Freiwilliger der SS-Division Viking – die aus Freiwilligen aus von den Deutschen besetzten Ländern bestand – dem NRK ein Interview. Er sagte, er habe zusammen mit anderen Soldaten Hunderte Einheimische in der Ukraine in einer Kirche gesammelt und sie dort verbrannt, während sie zusahen. Das war das erste Mal, dass ein norwegischer Freiwilliger öffentlich zugab an einem Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben.

Mein zweites Buch, Gnadenlose Norweger – die Staatspolizei, wurde im Oktober 2012 veröffentlicht. Wie der Titel sagt, wurde darin die norwegische Staatspolizei erforscht, die mit der Gestapo kooperierte. Das norwegische Justizministerium hatte alle Juden Norwegens registriert. In ihre Ausweise wurden Kennzeichen gestempelt. Die Staatspolizei – gekleidet in norwegische Uniformen – verhaftete im Oktober 1942 männliche Juden und sammelte sie in einem Gefangenenlager. Die norwegischen Wachen dort waren oft sehr grausam.

Die Wertsachen der verhaftete Juden wurden von der Staatspolizei gesammelt und manchmal gestohlen. Einen Monat später wurden auch Frauen und Kinder von der Staatspolizei verhaftet. Diese brachte alle 771 verhafteten Juden in den Hafen von Oslo. In der Nähe des Schiffes Donau übergaben sie die meisten der Juden den Deutschen, die sie nach Stettin in Deutschland brachten. Fast alle wurden ermordet und nur 34 kehrten zurück.

Einige norwegische Nationalsozialisten kamen ins Gefängnis, weil die Deutschen sie als viel zu grausam betrachteten. Mitglieder der Staatspolizei exekutierten mehrere Widerstandskämpfer ohne Gerichtsverfahren. Manchmal mussten die Deutschen nach diesen Erschießungen das Blut beseitigen. Nachdem dieses Buch veröffentlicht wurde, wollten einige Historiker wie auch Familienmitglieder dieser Kriminellen mich vor Gericht bringen, weil ich als geheim eigestufte Informationen veröffentlicht und damit den Datenschutz verletzt hätte. Meine Anwälte schafften es, das zu stoppen.

Mein im Oktober 2013 veröffentlichtes drittes Buch trägt den Titel Gnadenlose Norweger – Hird. Darin wird die paramilitärische Jugendorganisation Hird untersucht, die von der norwegischen Nazipartei Nasjonal Samlung 1933 gegründet wurde. Sie hatte zwischen 20.000 und 28.000 Mitglieder, von denen einige sehr jung waren. Eine Reihe von ihnen war daran beteiligt mit der norwegischen SS Juden überall im Land festzunehmen. Mehrere stahlen auch jüdische Wertsachen.

Die Deutschen brachten jugoslawische Widerstandskämpfer und Zivilisten in sechs Gefangenenlager in Norwegen. Hird-Mitglieder wurden als Wachen eingesetzt. Einige von ihnen waren unbeschreiblich grausam. Sie erschossen aus Spaß Gefangene. Einige banden Ratten und Gefangene aneinander. Als die Ratten Hunger bekamen, fraßen sie die Gefangenen, die starben. Nach zehn Monaten nahmen die Deutschen die Norweger infolge ihrer Grausamkeit aus den Lagern. Danach verbesserte sich die Lage der Häftlinge.

Nach dem Krieg konnten Norweger, die kriminelle Taten verübt hatten, von überlebenden Widerstandskämpfern identifiziert werden; sie bekamen lange Haftstrafen. Da nur wenige Juden überlebt hatten, konnten Norweger, die Verbrechen an Juden verübt hatten, in der Regel nicht identifiziert werden. Einiges des gestohlenen jüdischen Eigentums wurde nie zurückgegeben und ist immer noch im Besitz norwegischer Familien.

Veum schließt: Es gibt vermutlich mehr norwegische Kollaborateure als Widerstandskämpfer. Es bleibt noch viel zu erforschen. Ich glaube, dass es norwegische Verbrecher aus dieser Zeit geben könnte, die noch am Leben sind und nie für die Kriegsverbrechen belangt wurden, an denen sie beteiligt waren.

 

 

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