Die französische Gesellschaft betrachtet die Juden durch das Prisma der Schoah

Die französische Gesellschaft betrachtet die Juden durch das Prisma der Schoah

Manfred Gerstenfeld interviewt Shmuel Trigano (direkt vom Autor)

Die Position der Juden in einem Land wird weitgehend davon bestimmt, wie dessen allgemeine Bevölkerung sie sieht. Das ist oft weit wichtiger als das Verhalten der Juden selbst. Die französische Gesellschaft und die jüdische Gemeinschaft in Frankreich haben regelmäßig unterschiedliche Einstellungen. In den letzten Jahren wurde ins jüdische Leben involviert zu sein zum Synonym mit communautarisme (d.h. dem Rückzug in die eigene Gemeinschaft, die als fehlende Loyalität der französischen Republik gegenüber angesehen wird) – ein Begriff mit negativem Beiklang. Das war vorher nicht der Fall. Die französische öffentliche Meinung betrachtet die jüdische Gemeinschaft als bezüglich der nationalen Staatsbürgerschaft ambivalent.

Die Juden spielen in Frankreich eine symbolische Rolle – als Resultat ihrer langen Geschichte in der europäischen Zivilisation. Diese Rolle war im letzten Jahrhundert stark von der Schoah und seit kurzem von der Masseneinwanderung von Muslimen beeinflusst.

Shmuel Trigano ist Professor für Soziologie an der Universität Paris, Präsident des Observatoire du Monde Juif und Autor zahlreicher Bücher, die sich auf jüdische Philosophie und jüdisches politisches Denken konzentrieren.

Im Frankreich der 1980-er Jahre ersetzte der Holocaust im kollektiven Gedächtnis plötzlich fast alle sonstige Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Danach wurde das Bild des Juden als Opfer, der Person, mit der man aus Prinzip Mitleid haben sollte, dominant. Heute jedoch gibt es diese Rolle fast nicht mehr.

Während der Jahre nach dem Krieg fand eine Verschleierung der Schoah statt. Zunächst herrschte der Gaullismus, was den Mythos des „Widerstands-Frankreich“ förderte, so als ob die Mehrheit der Franzosen aktiv gegen Vichy opponiert hätte. Die Behörden und Eliten des Landes mussten die Tatsache kaschieren, dass die kollaborierende Vichy-Regierung als demokratisches Ergebnis einer Abstimmung des französischen Parlaments an die Macht kam.

Die radikal veränderte Lage machte die „jüdische Frage“ zu einer extrem sensiblen. Es begann mit einem Skandal wegen Äußerungen von Louis Darquier de Pellepoix. Er war im Vichy-Regime Kommissar für jüdische Angelegenheiten. Mit seiner Flucht nach Spanien entkam er der französischen Nachkriegs-Justiz, die ihn zum Tode verurteilte.

1978 sagte er gegenüber der Wochenzeitung L’Express, dass in Auschwitz nur Läuse vergast worden waren und dass die Juden darüber logen, was dort geschah. Dank dieses Interviews und der von ihm entfachten Reaktion wurden die Juden plötzlich Thema sowohl in den Medien als auch in der öffentlichen Diskussion.

Als Darquier sein Interview gab, hatte sich die neue Wahrnehmung des „Juden als Opfer“ noch nicht herauskristallisiert. Das geschah dann später. Dieses Bild ist – statt durch die jüdische Gemeinschaft – in staatlichen Körperschaften institutionalisiert worden, so dem Museum des Schoah-Gedenkens und der Stiftung zur Erinnerung an die Schoah.

Woran man sich heute bei diesem „Opfer-Bild“ erinnert, ist der Zustand des Menschen, wie er sich im jüdischen Leid ausdrückt. Das hat eine ambivalente Rolle. Um von der französischen Gesellschaft als ganzes anerkannt zu werden, muss das Leiden enorm entjudet werden. Viele Personen der Öffentlichkeit und Pädagogen sagen, die Schoah der heutigen Generation zu vermitteln erfordert ihren universalen Aspekt zu betonen und aufzuwerten. Das bedeutet Barbarei, Unmenschlichkeit und Leiden in allgemeinen Begriffen bloßzustellen.

Während der Studentenunruhen in Paris 1968 wurde der Wahlspruch „Wir sind alle deutsche Juden“ benutzt, um den Studentenführer Daniel Cohn-Bendit zu verteidigen, einen deutschen Juden. Indirekt bedeutete das, dass man sich mit den Opfern eines Nazistaats identifizierte. Zwanzig Jahre später bekam der Spruch eine neue Nebenbedeutung: „Wir identifizieren uns mit universalistischen, assimilierten deutschen Juden, aber nicht mit Zionisten und jüdischen communautarians.“

Bereits im vorigen Jahrhundert veränderte sich die Rolle des „absoluten Opfers“ in Frankreich langsam vom Juden zum hauptsächlich muslimischen Einwanderer, dessen Lage oft öffentlich mit der der jüdischen Opfer der Vergangenheit gleichgesetzt wird. In den 1980-ern hörte man gelegentlich, dass man mit dem Kampf gegen den rechtsextremen Rassismus der Partei Front National des Jean-Marie Le Pen und allgemeinen antiarabischen Rassismus gegen Antisemitismus kämpfe.

Die so genannten Debré-Gesetze von 1997 – benannt nach Innenminister Jean Louis Debré – regelten die Einwanderung und den Status von Ausländern. Auf Demonstrationen gegen diese Gesetze verkleideten sich einige Teilnehmer als Lagerinsassen. Sie trugen gestreifte Schlafanzüge und auf dem Rücken Taschen, als würden sie zu den Zügen reisen, die sie in die Konzentrationslager deportieren. Die Demonstrierenden und ihre Unterstützer verknüpften das Schicksal dieser unter französischem Rassismus leidenden Einwanderer mit dem der Juden als Opfer der Schoah.

Trigano schließt: Es gibt viele weitere Rollen, die Juden in der französischen Gesellschaft ausfüllen. Dazu gehört, dass Juden als positives Vorbild für muslimische Einwanderer hochgehalten werden. Sie sind außerdem ein Instrument der Behörden für den Erhalt des sozialen Friedens, Zeugen der vermeintlichen Toleranz der Muslime oder Beschöniger für französische Probleme wie Antisemitismus. Vor allem werden französische Juden in die Rolle der „Repräsentanten Israels“ gesteckt, das in den französischen Medien negativ dargestellt wird.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

 

Comments are closed.