Wo sich europäischer Antiamerikanismus und Antisemitismus treffen

Wo sich europäischer Antiamerikanismus und Antisemitismus treffen

Manfred Gerstenfeld interviewt Andrei S. Markovits (direkt vom Autor)

Der israelische Psychiater Zvi Rex hatte Recht, als er sagte, die Deutschen würden den Juden Auschwitz niemals vergeben. Analog würde ich argumentieren, dass die Westeuropäer den Amerikanern niemals vergeben werden, täglich daran erinnert zu werden, dass es die Amerikaner waren – zusammen mit der Roten Armee – die den Nationalsozialismus besiegten und nicht die Europäer selbst.

Antisemitismus ist in Europa tausend Jahre alt. Antiamerikanismus unter europäischen Eliten als Diskurs und als Ideologie kam vor mehr als 200 Jahren auf. Amerika und die Juden werden von vielen Europäern als Inbegriff einer Moderne betrachtet, die sie nicht leiden können und der sie misstrauen: vom Geld angetrieben, profithungrig, städtisch, universalistisch, individualistisch, mobil, wurzellos, nicht authentisch und damit den etablierten Traditionen und Werten gegenüber feindlich eingestellt. Antiamerikanismus und Antisemitismus sind die einzigen wichtigen Kultobjekte, die die europäischen Linksextremen und Rechtsextremen, einschließlich der Neonazis, gemeinsam haben.

Andrei S. Markovits ist der Karl W. Deutsch Collegiate Professor of Comparative Politics and German Studies an der University of Michigan in Ann Arbor. Er kam 1960 in die Vereinigten Staaten, verbrachte aber den Großteil seiner Teenager-Jahre in Wien, bevor er 1967 nach New York zurückkehrte, um die Columbia University zu besuchen, wo er alle fünf seiner Universitätsabschlüsse erwarb.

Er sagt: Es bleibt weiter unklar, welche gemeinsamen emotionalen Verbindungen und gefühlsbedingten Identitäten die Europäer haben. Man muss kein Zeuge der Euro-Krisen sein, um festzustellen, dass die Solidarität zwischen Deutschen und Griechen eher gering ist. Doch ein wichtiges Charakteristikum, das sowohl die Deutschen als auch die Griechen gemeinsam haben, ist, dass sie nicht Amerikaner sind. Keine Identität ist jemals ohne eine wichtige Gegen-Identität entstanden. Antiamerikanismus ermöglicht damit den Europäern eine bislang fehlende europäische Identität zu schaffen, die entstehen muss, damit das europäische Projekt Erfolg haben kann. Das überschwängliche anfängliche Lob für Obama durch die Europäer schließt keinesfalls die Antipathien aus, die von Europäern gegenüber Amerika gehegt werden und während der Präsidentschaft Bush beispiellose Verstärkung und Legitimität erfuhren. Indem man Obama zu einem Quasi-Europäer machte, konnte die künstliche Liebe zu ihm in der Tat perfekt neben ihrer Verachtung für Amerika bestehen.

Antiamerikanismus und Antisemitismus stehen in einem Zusammenhang zu einander und sind empirisch fast immer eng beisammen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich die Überlappung der Voreingenommenheit der beiden stärker ausgeprägt. Beides sind „Ismen“, was darauf hinweist, dass sie institutionalisiert sind und allgemein als moderne Ideologie genutzt werden. Als solcher hat jeder Diskurs seinen eigenen Wortschatz.

Die beiden europäischen Vorurteile überlappen zwar, es bestehen aber auch riesige Unterschiede. Der Antisemitismus hat Millionen Menschen den Tod gebracht, während der europäische Antiamerikanismus nur ein paar ermordet hat, wenn überhaupt so viele. Es gab nie irgendwelche Pogrome gegen Amerikaner. Gewalt ging als Regel nicht weiter als bis zur Zerstörung von Immobilien und dem Verbrennen amerikanischer Flaggen. Es hat nie einen Ritualmord-Vorwurf gegen Amerikaner gegeben.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist der der Macht. Seit dem neunzehnten Jahrhundert ist Amerika zu einem zunehmend wichtigen Land geworden. Seine militärische Stärke hatte im Ersten Weltkrieg großen Einfluss und war davor schon machtvoll. Die Juden hatten nur in der verzerrten Fantasie ihrer Feinde Macht.

Israel wurde jedoch nach dem Sechstage-Krieg 1967 zunehmend als weit mächtiger wahrgenommen, als es tatsächlich war. Das Image des starken und harten Juden kam auf und Ähnlichkeiten mit den Amerikanern nahmen in der Wahrnehmung vieler Europäer zu. Kraft der Identifizierung Israels als diesem allmächtigen Gebilde konnten die Europäer sich über diesen Staat nur ärgern und auf die Charakterisierung der Wesens Israels und seiner Existenz mit Begriffen und Klängen zurückgreifen, die dem altmodischen europäischen Antisemitismus ziemlich ähnlich sind.

Die machtlosen Araber werden jetzt als die Opfer der mächtigen Juden dargestellt. Ein Ausdruck europäischen Antisemitismus besteht darin, dass die Juden – die die Opfer hätten sein sollen – als Täter gesehen werden. Soweit es Israel angeht, gibt es eine zusätzliche Dimension, die auf den ersten Blick für den Antiamerikanismus nicht relevant ist. Europa hat eine wichtige, ungeklärte Beziehung zu seiner Vergangenheit. Die ständige Analogisierung der Israelis mit Nazis kommt aus dem europäischen Bauch. Damit entlasten sich die Europäer von ihrer eigenen Vergangenheit. Gleichzeitig haben sie den Erfolg, dass sie ihre früheren Opfer beschuldigen sich zu verhalten wie ihre schlimmsten Täter.

Kein anderer auch nur im Entferntesten vergleichbarer Konflikt hat in Europa auch nur annähernd den schrillen Klang und Schärfe erhalten, wie der israelisch-palästinensische – nicht die Massenmorde in Tschetschenien, nicht die in den vielen Kriegen im Ex-Jugoslawien und nicht die Morde an Muslimen durch die Hände der Serben und Kroaten.

Seit dem Zweiten Weltkrieg – und besonders seit dem Aufstieg der Neuen Linken Ende der 1960-er Jahre – ist der linke Antisemitismus bequem vom Antizionismus verschleiert worden. Dass jedoch der Hass europäischer Linker auf Israel im Verlauf der letzten 15 bis 20 Jahre weit stärker geworden ist, hat einen wichtigen Grund: Der Sprachgebrauch und der Diskurs der Linken – nicht der Rechten – ist vom europäischen Mainstream übernommen worden.

Würde man die wichtigen Symbole auflisten, die den Kern dessen definieren, was heute links zu sein, progressiv zu sein bedeutet, dann gibt es keinen Zweifel, dass eine aktive Antipathie gegen Israel und die Vereinigten Staaten auf dieser Liste stehen würde. Am wahrscheinlichsten würden sich beide Feindseligkeiten eher an der Spitze der Liste herumtreiben als an ihrem Ende. Die traurige Tatsache ist: Eine Abneigung gegen und die Verachtung von Israel und den Vereinigten Staaten sind genauso grundlegend dafür geworden progressiv zu sein, wie die Umverteilung von Einkommen, die Verteidigung von Arbeiterrechten, der Umweltschutz, das Eintreten für Schwule und Lesben und der Feminismus.

 

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